Hatte das kleine Übel wirklich gerade ‘allez, allez’ gesagt? Pohlmann rieb sich die Nase. Niedliches Plüschwesen hin oder her, diese fellüberzogene Nervensäge plusterte sich hier gerade auf wie ein egozentrisches Alphatier, und jetzt machte es auch noch einen auf multilingualen Kosmopoliten. Pohlmann zog seine Socken hoch und band sich die Schnürsenkel neu.”Wo gehen wir denn hin?”

“Wohin du willst, Jo”, sagte das kleine Übel und blickte zu Pohlmann, der unentschlossen in der Tür stand. “Wohin du willst. Nur nicht zurück.”

skkrrrtt

“Wohin ich will”, wiederholte Pohlmann ahnungslos und blickte stur ins Nichts. Sein Blick so leer wie die graue Landschaft, in der es nichts gab, was seinen Blick hätte auf sich ziehen können. Nur eine einzige graue Suppe. Ich bin nicht verrückt, dachte er, auch wenn ich nicht weiß warum. Pohlmann wiederholte diesen Satz mehrmals in Gedanken und presste ihn durch nervöses Zukneifen der Augen tief in seinen Schädel. Half alles recht wenig. Er zuckte schwächlich mit den Schultern und durchschnitt das triste Grau mit einer ausladenden Handbewegung. “Ich habe keine Ahnung, wo wir sind. Und erst recht keine Ahnung, wo es langgeht. Guck dich doch mal um, der reinste Nebel. Woher soll ich wissen, wohin wir gehen müssen?”

Das kleine Übel würdigte Pohlmann keines Blickes. Es tippelte voran, und sehr schnell sah Pohlmann nur noch einen kleinen runden Punkt, der im grauen Dunst verschwand. “Wenn man das Wort Nebel rückwärts ausspricht, heißt es Leben, wusstest du das?”

Pohlmann orientierte sich an der dünnen Stimme und holte das kleine Übel mit einem großen Schritt wieder ein. “Jaja, und Reittier heißt rückwärts auch immer noch Reittier.”

“Tse”, tschilpte das kleine Übel und ging mit einem für kleine Übel durchaus strammen Schritt voran. “Jo, du musst mehr auf die feinen Unterschiede achten. Reittier bleibt Reittier, egal wie rum du das liest. Nebel wird aber zu Leben.”

Pohlmann schüttelte den Kopf. “Was soll das? Willst du mir irgendetwas sagen?”

“Nö.”

“Wie, nö?”

“Mensch, Jo”, sagte das kleine Übel anklagend und hätte Pohlmann gerne strafend angeschaut. Aber der Blick verschwand im Nebel. “Jetzt komm doch mal hinterher. Es geht um den Sinn, verstehst du? Um den Sinn!”

“Welcher Sinn?”

Das kleine Übel schlug sich mit dem flachen Händchen gegen die weiche Stirn, kein Klatschen war hörbar. Es atmete einmal tief durch und ging weiter. “Lass gut sein, vielleicht kommst du später drauf. Wir sollten mal ein paar Meter machen. Die Reise beginnt gerade erst.”

“Was für eine Reise? Wohin gehen wir?”

“Joachim-Alexander”, begann das kleine Übel streng, aber Pohlmann fuhr genervt dazwischen. “Hör auf mich so zu nennen.”

“Mann, bist du sensibel.”

“Ich bin nicht sensibel, ich bin …” Pohlmann stockte. Ja, was war er eigentlich? So richtig konnte er das gar nicht sagen. Er hatte einen Namen, ein Alter, einen Beruf und ein paar ferne Träume. Aber das war es dann eigentlich auch schon. Mit einer Definition dessen, was er ist, hatte er sich schon immer schwer getan. Was vielleicht auch daran lag, dass er es nur äußerst selten versucht hatte.

“Entschuldigung, Jo. Aber du hast mich schon vor zwei Minuten gefragt, wo wir hingehen.”

“Ja, und ich habe immer noch keine Antwort bekommen.”

“Keine direkte.”

“Was soll denn der Scheiß jetzt wieder?”

“Lass echt mal gut sein, Jo. Ich habe gerade keinen Bock auf so eine Diskussion. Wir drehen uns im Kreis.”

“Kein Wunder bei dem Nebel.”

“Das war nur eine Redewendung”, stöhnte das kleine Übel.

Wer bislang noch kein kleines Übel getroffen hat, dem sei gesagt, dass es alles andere als bedrohlich klingt, wenn ein kleines Übel laut aufstöhnt. Die großen Übel, ja, die können Röhren, was das Zeug hält. Da wird einem ganz schummerig im Gemüt. Aber kleine Übel haben eben nicht so einen voluminösen Resonanzkörper. Die bleiben dünn auf der Brust. Wahrscheinlich sind sie deswegen manchmal so zickig, weil sie irgendwelche Minderwertigkeitskomplexe haben, weil sie meinen, etwas ausgleichen zu müssen, weil sie auf der Übelschule immer von den großen Übeln runtergemacht wurden. Das würden kleine Übel natürlich ganz anders sehen, wenn man sie danach fragt.

skkrrrtt

“Klugscheißer.” Pohlmann fehlten die Worte für einen vollständigen Satz. Musste er sich von so einer egozentrischen Plüschkugel beschimpfen lassen? Andererseits wäre es vielleicht nicht klug, in der Lage, in der er sich befand, die Situation eskalieren zu lassen und einen Komplizen zu verlieren.

Während sie schweigend weitergingen und Pohlmann mit einem Schritt schaffte, wofür das kleine Übel zwanzig Schritte brauchte, gingen in Pohlmanns Kopf verschiedene Gedanken spazieren, alle ohne einen Anfang und ohne ein bestimmtes Ziel, versteht sich. Was genau ging hier eigentlich vor sich? Bislang ließ sich Pohlmann leicht erklären. Die Existenz war geregelt, das Exemplar sicher. Aber nun stand alles Kopf. Was gerade mit ihm geschah, überstieg Pohlmanns Sinn für Abenteuer um ein Vielfaches. Seitdem er das kleine Übel getroffen hatte - wie lange war das eigentlich her? Stunden? Tage? - bestand sein Leben nur noch aus Irritation. Das musste nicht nur einer vom Schlage Pohlmanns sonderbar finden, wenn einen ein kleines Übel aus der Bahn wirft, als hätte es die größte Kraft auf Erden.

Eine Zeit lang gingen sie nebeneinander her, Schritt für Schritt und ohne erkennbare Richtung. Und vor allem: ohne erkennbaren Fortschritt. Dann wurde es Pohlmann zu bunt. Also, es wurde natürlich nicht wirklich bunt, denn schließlich war immer noch grauer Nebel um sie herum. Auch wenn Pohlmann den Eindruck hatte, dass das Grau mit der Zeit etwas heller wurde. Er fühlte sich unwohl mit diesem Schweigen. Da läuft man in einer unbekannten Umgebung nebeneinander her, hat sonst niemanden, ist irgendwie aufeinander angewiesen, und dann redet man nicht miteinander wegen so einer lächerlichen Befindlichkeit. Das kleine Übel war zwar ein ziemlicher Nervbolzen, aber, das musste Pohlmann wiederholt feststellen, so übel war es eigentlich gar nicht. Diese Einschätzung beruhte zu einem Großteil sicherlich auf Pohlmanns grundsätzlicher Harmoniebedürftigkeit. Naja, zumindest war er konfliktscheu. Jedenfalls mochte er keine Streitereien.

“Tut mir leid”, sagte er nach einer Weile, als er das Schweigen nicht mehr aushielt. “Wollen wir uns vertragen und nochmal neu anfangen?”

“Hat da gerade jemand Neuanfang gesagt?”, johlte das kleine Übel in den Nebel hinaus und drehte sein Stimmchen in die obersten Tonlagen. “Bingo.”

Pohlmann blieb stehen. So wichtig ihm Harmonie auch war, aber dass jemand dermaßen zickig auf eine Entschuldigung reagierte, ging gar nicht. Das kleine Übel merkte, dass etwas nicht stimmte, und es ist ja auch nicht so, dass kleine Übel grundsätzlich nicht emphatisch wären. Die meisten sollen sogar recht mitfühlend sein. Auch dieses Exemplar, mit dem Pohlmann sich gerade rumschlug, wusste, wann es übers Ziel hinausgeschossen war. “Schwamm drüber, Jo. Entschuldigung akzeptiert”, sagte es und sprang Pohlmann freundschaftlich auf dem Fuß herum. “Aber nur, weil du das N-Wort gesagt hast.”

“Das N-Wort? Welches N-Wort?”

“Neuanfang. Ein schönes Wort. So passend.”

“Ich meinte zwischen uns, nochmal neu anfangen, den Streit vergessen.”

“Schon klar. Ich meinte aber generell. Neuanfang. Etwas Neues anfangen. Und lustig, dass du das ausgerechnet jetzt sagst.” Das kleine Übel lief etwas schneller und hüpfte beschwingt über einen schwarzen Strich, der quer zur Laufrichtung verlief. Pohlmann stockte. Was sollte jetzt diese Linie? Und wo war der Nebel hin? Er hatte sich nahezu aufgelöst, das Grau war deutlich heller geworden, fast schon ein dreckiges Weiß. Jenseits des Strichs drehte sich das kleine Übel um. “Komm schon Jo, ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein großer Schritt für einen Pohlmann.”

skkrrrtt

Pohlmann beugte sich herunter, um die Linie genauer zu betrachten. “Was ist das?”, fragte er unsicher, schaute nach links und rechts. Dann richtete er sich wieder auf und wagte dann den Schritt auf die andere Seite.

Das kleine Übel applaudierte überschwänglich und hüpfte von einem Bein aufs andere. “Glückwunsch, Jo. Du hast soeben Neuland betreten.”

Pohlmann schaute sich um und schüttelte den Kopf. “Neuland? Ich bin in ungewohnter Umgebung, seit ich in dieses Loch gesprungen bin. Und eigentlich war auch das Hotelzimmer schon ungewohnt.”

Das kleine Übel lief zur schwarzen Linie und balancierte auf ihr. “Mag sein. Aber das hier ist die offizielle Grenze. Die hast du jetzt überschritten.”

“Und was bedeutet das praktisch?”, fragte Pohlmann verwirrt.

“Das kannst du selbst am besten beurteilen. Ich weiß nur, dass hier in der Gegend jemand ganz hellhörig wird, wenn das Wort Neuanfang fällt. Deswegen sollten wir uns jetzt etwas beeilen.”

Kaum hatte das kleine Übel den Satz beendet, sauste ein unförmiges Etwas über ihre Köpfe hinweg. Das heißt, über Pohlmanns Kopf. Er zuckte zusammen. Das kleine Übel musste sich natürlich nicht ducken, das war klein genug und blickte aus sicherer Entfernung nach oben “Wenn man vom Teufel spricht …”

“Was war das denn?”, rief Pohlmann erschrocken.

Das kleine Übel schaute in den grau-weißen Himmel und rollte mit den Augen.

“Was? Was ist das?” Pohlmann starrte in die unsichtbare Luft, aus der leise ein Flügelschlag dröhnte, immer lauter wurde, näher kam. Wie aus dem Nichts schoss die Gestalt wieder über seinen Kopf hinweg.

“Das ist das große Vielleicht”, winkte das kleine Übel ab, “das kommt immer zu diesem Zeitpunkt, mal kurz vor, mal kurz hinter der Grenze, aber eigentlich immer verlässlich, wenn jemand das Wort Neuanfang sagt.”

skkrrrtt

Sprachlos sah Pohlmann, wie das Vielleicht eine letzte Runde drehte und dann neben ihnen landete. Es war ein Silberschweif, der linke Flügel leicht verbogen. Es hatte ungefähr Pohlmanns Größe, aber die fünffache Spannweite.

“Hallo, hallo”, sagte das große Vielleicht mit heiserer Stimme.

Das kleine Übel hob gelangweilt das rechte Händchen zum Gruß.

Pohlmann blickte verwundert zum kleinen Übel, dann zu dem silbrigen Flugtier, das vor dem hellgrauen Hintergrund relativ kontrastarm daherkam. Eigentlich sah es aus wie ein überdimensionaler Silberfisch mit Flügeln. Und zudem noch einer, der sprechen konnte. Pohlmann rieb sich die Augen. Vielleicht war er ja doch verrückt geworden? Möglich wäre es, und Gelegenheit dazu gab es mehr als genug.

Das Vielleicht beugte sich tief zum kleinen Übel herunter und deutete mit dem verbogenen linken Flügel zu Pohlmann. “Ich sehe, du hast einen neuen Klienten. Willst du uns nicht vorstellen?”

Das kleine Übel holte tief Luft und ließ einen großen Seufzer fahren, wie ihn sonst nur Pohlmann hinbekam. “Wenn du meinst: Vielleicht, Pohlmann. Pohlmann, Vielleicht.”

“Angenehm”, sagte das große Vielleicht dunkel und musterte Pohlmann mit seinen silbrigen Augen.

Nach einer für Pohlmann gefühlten Ewigkeit, die ihm ausreichend Zeit ließ, das Gesicht und den warmen Atem dieses Ungetüms zu studieren, wandte sich das Vielleicht wieder dem kleinen Übel zu. “Pepe, Pepe“, zischte es vielsagend hervor. Das kleine Übel stemmte sich gegen den Luftzug, um nicht weggeweht zu werden. Das große Vielleicht schielte zu Pohlmann herüber. “Der da scheint aber ein ganz besonderer Kunde zu sein, oder?”

Pohlmann spürte ein leichtes Kribbeln unterhalb der Kniekehle. Das Blut schoss schneller als sonst durch die Adern. Nur langsam hielt das kleine Gehirn mit den körperlichen Entwicklungen Schritt. Er wusste nicht, was ihn mehr irritierte. Dass hier jemand über Anwesende in der dritten Person sprach? Dass ein fliegender Silberfisch überhaupt sprechen konnte? Dass dieses Ding ihn als Klienten bezeichnete? Oder dass dieses Monster offensichtlich das kleine Übel kannte.

“Pepe?”, stotterte Pohlmann und hatte die Grenze zum sprachlosen Erstaunen überwunden. “Ihr kennt euch?”

“Flüchtig”, sagte das kleine Übel knapp.

“Ach was, flüchtig”, widersprach das große Vielleicht heftig und ruderte mit dem unversehrten Flügel in der Luft herum. “Du hast es ihm noch nicht gesagt, oder?”

Pohlmann raufte sich die dünnen Haare und drehte sich einmal im Kreis herum. Sein Harmoniebedürfnis blieb dabei auf der Strecke, der Kopf bekam eine leicht rötliche Farbe. “Du heißt Pepe?”

“Nah”, winkte das kleine Übel ab. “So nennen mich eigentlich nur meine Freunde.”

“Und dieses, dieses …“, Pohlmann deutete auf das unförmige Flugtier, “dieses Ding da ist dein Freund?”

“Ding? Ich darf doch wohl sehr bitten”, ermahnte das große Vielleicht, aber niemand reagierte.

Das kleine Übel kratzte verlegen mit einem Beinchen auf dem Boden herum. “Also, Freund würde ich nicht direkt sagen.”

“Pepe”, rief das große Vielleicht anklagend, “jetzt bin ich aber enttäuscht.”

“Was hast du mir noch nicht gesagt”, bohrte Pohlmann weiter. “Was?” Seine Haare hatten mittlerweile den Zustand einer ordentlichen Frisur verlassen und spiegelten die innerliche Verwirrung wider. Vor dem hellgrauen Himmel formierten sich gezackte Wölkchen, die mit ihren schwarz-weißen Streifen aussahen wie unförmige, fliegende Zebras.