skkrrrtt

Eine neue Frage tauchte auch. Sie schlüpfte ihm ins Auge und gähnte. Sie erinnerte ihn daran, dass die Müdigkeit immer wiederkam. Im Augenwinkel sah Pohlmann den Kalender an der Wand. Er zeigte immer noch den Oktober. Diese Nachlässigkeit war mindestens 30 Prozent schlimmer als das Muster der Tapete. Pohlmann schüttelte sich. Damit verschwand auch die Müdigkeit und verteilte sich als diffuse Masse im Raum. Kalender. Tage. Umblättern, immer nur umblättern. Immer wird man weiter durch die Zeit geschubst. Immer schaufelt man die Tage mvon vorne nach hinten, und hinter einem wächst der Berg des Vergangenen. Für Ordnung sorgen. Immer. Er riss den Oktober ab, faltete das Blatt fünf Mal und legte es vorsichtig in den Mülleimer. Ein Problem gelöst, dachte Pohlmann, leider war es eins, was bis vor zehn Sekunden noch gar nicht existiert hatte. Die wirklich wichtigen Probleme, wie löst man die?

Pohlmann dachte diese Frage eher unbedarft in den Raum hinein. Er hätte nicht vermutet, dass er eine Antwort bekam. Nicht vom kleinen Übel, das zeterte noch auf dem Bettpfosten, richtete sein Plüschfell und warf Pohlmann mantramäßig eine aggressive Ader vor. Die Antwort kam als leichtes Vibrieren des Bettvorlegers und als leises Grummeln unter dem Teppich. Pohlmann stutzte. Er zog den Teppich zur Seite und blickte in ein schwarzes Loch. Ein tiefes schwarzes Loch.

skkrrrtt

Man hätte ja vermuten können, dass man durch einen Loch im Fußboden des dritten Stockwerks vielleicht in ein Zimmer im zweiten Stock blicken könnte. Irrtum. Dieses Loch war irgendwie anders. Pohlmann schickte ein zaghaftes “Hallo” in die dunkle Grube, aber es verhallte dumpf. Ihm war so, als würde das Loch mit Gelächter antworten. Das war sicherlich nur seine Einbildung. Er nahm eine kleine quadratische Schwierigkeit vom Bett, die erste die er greifen konnte, und warf sie hinein. Sie verschwand ohne Geräusch. Kein Aufprall hörbar. Sie wurde einfach so vom Nichts verschluckt. Pohlmann sagte den Spruch, den er immer zu sagen pflegte, wenn seine Phantasie in Realität umkippte: “Mir geht´s gut, solange die Gedanken sich benehmen.” Diesen Satz sagte er eigentlich immer zu einem völlig absurden Zeitpunkt, denn es war ja klar, dass sich seine Gedanken gerade in keinster Weise benahmen. Im Gegenteil. Also ging es ihm auch nicht gut.

Mittlerweile wurde auch das kleine Übel auf die sonderbare Situation aufmerksam. “Was machst du da, Jo?” fragte es neugierig, rollte aufs Bett und plüschte sich vor bis zur Bettkante. Pohlmann nahm eine zweite Schwierigkeit, diesmal eine tennisballgroße, runde, etwas glibberige, und warf sie hinein. “Wo fällt die hin?” wollte das kleine Übel wissen. “Ist das tief? Warum ist da ein Loch? Wo führt das hin? Jo-ho, sag doch mal.”

skkrrrtt

Pohlmann hätte es besser wissen können, schließlich war er ja ausgebildeter Realist mit einem ausgezeichneten Abschluss und einer Menge praktischer Erfahrung. Er hätte ahnen müssen, dass dieses Loch eine ziemlich große Schwierigkeit darstellte. Stattdessen grinste er nur und freute sich, dass er einen bequemen Weg gefunden hatte, seine alten Schwierigkeiten zu entsorgen. Ein Problem nach dem anderen warf er in das finstere Loch. Sein Grinsen wurde mit jedem Wurf breiter. So ist das wohl, wenn ein Schwall Neues durch den Geist huscht und Adrenalin in die Seele pumpt.

Dem kleinen Übel war nicht wohl bei der Sache. Es hockte unsicher am Rand des Lochs und starrte abwechselnd in die dunkle Grube und in Pohlmanns Gesicht, das sich mehr und mehr aufhellte. Diese gute Laune schraubte ein gewisses Unbehagen in das weiche Fell des kleinen Übels. Mit einem großen Satz sprang es auf Pohlmanns Schulter und flüsterte: “Ist alles gar nicht so schlimm, Jo, gar nicht so schlimm, alles.” Was hätte es auch sonst sagen sollen? Kleine Übel tendieren halt zu Beschwichtigung, das Dramatisieren ist eher den größeren Übeln vorenthalten. Wobei es durchaus auch ein paar kleine Übel gibt, die ein ziemlich starkes Ego haben und sich für den Untergang der Welt halten. Alles Angeber.

“Gar nicht so schlimm”, lachte Pohlmann und deutete auf die wenigen Probleme, die noch auf dem Bett lagen, ordentlich sortiert. “Die Schwierigkeiten können mich mal sauberst am Arsch lecken.”

Das kleine Übel wollte Pohlmann gerade darum bitten, etwas mehr auf seine Wortwahl zu achten, aber es hielt sich sich zurück. Es hätte die Situation wohl nicht verbessert.

Mit jedem Problem, das Pohlmann ergriff und in das Loch warf, wuchs die Angst des kleinen Übels. Denn wer braucht schon ein kleines Übel, wenn er überhaupt keine Probleme mehr hat? So ein kleines Übel ist ja dann irgendwie überflüssig. Es ist quasi nur vergleichsweise existent und gewinnt seinen Status lediglich durch andere, größere Übel. Ohne die ist es ein Nichts.

“Vergleichsweise existent”, stotterte das kleine Übel. Eine leise Ahnung des Unheils rumorte in seinem Bauch und wuchs zu einem amtlichen Problem heran. Der Schweiß lief ihm kalt durchs Kunstfell. Der hier wirft seine Probleme weg und meine Schwierigkeiten werden immer größer. Ich platze gleich, und zwar nicht vor Freude. “What the fuck, Jo! Hör auf mich vollzustopfen.”

“Was redest du da?” fragte Pohlmann.

Das kleine Übel versuchte sich zu beruhigen. Vielleicht war das Grummeln im Bauch auch nur der Hunger. “Nichts, Jo, gar nichts.” Es durfte Pohlmann jetzt bloß nicht auf dumme Gedanken bringen. Und falls er diese schon hatte, danach sah es irgendwie aus, musste es ihn davon abbringen. “Es ist alles gut, Jo. Wollen wir uns nicht eine Pizza bestellen? Kleines Bierchen dazu? Hm?”

“Später vielleicht”, sagte Pohlmann beiläufig, nahm die restlichen Schwierigkeiten und warf sie alle zusammen ins Loch. Welche Fügung hatte ihm dieses Vakuum nur geschickt? Vielleicht war das die Lösung all seiner Probleme? Er fühlte sich leicht und beschwingt.So hatte er sich zuletzt gefühlt, als er kurz davor war, im dritten Stock der Behörde elektrische Türschlösser anzubringen. Vor zwei, drei Jahren war das. Aber neue alte Klinken waren am Ende doch billiger gewesen.

“Jo? Hm? Pizza? Ich habe Hunger.”

Pohlmann pflückte das kleine Übel von der Schulter und hielt es mit beiden Händen, die er wie eine Mulde formte, vor sein Gesicht. Das Plüschfellzittern übertrug sich auf seine Handflächen. Es war nur ein leichtes Kitzeln. Pohlmann grinste.

“Jo? Was ist los mit dir? Warum grinst du so? Warum hast du so große Augen?”

“Damit ich dich besser sehen kann”, prustete Pohlmann los. “Und jetzt frag nicht weiter, sonst fresse ich dich noch.”

Das kleine Übel zitterte ängstlich. “Was hast du vor, Jo?”

Pohlmann führte seine Hände über das Loch im Boden.

“Das machst du jetzt nicht wirklich, Jo, oder?”

“Was habe ich für eine Wahl?” entgegnete Pohlmann, streichelte das kleine Übel zärtlich, als wollte er sich für immer von ihm verabschieden. “Was würdest du an meiner Stelle tun?”

“Man hat immer eine Wahl, du Vollspack! Oh, Entschuldigung, das ist mir so rausgerutscht. Aber ehrlich, Jo, Ruhe bewahren, hinsetzen, Room Service anrufen, Pizza und Bier bestellen. Das wäre doch etwas, oder? Eine große Pizza Diavolo.” Es stutzte, lächelte etwas gequält. Wie kam es nur darauf? Es mochte überhaupt keine Pizza Diavolo. “Oder Quattro Stagioni. Noch besser. Ja, Jo? Pizza?”

“Tut mir Leid, Kleines, aber das ist eine große Chance für mich”, sagte Pohlmann in ungewohnter Härte, und er wunderte sich selbst über sein komisches Cowboy-Gehabe.

skkrrrtt

In einem verzweifelten Anflug von Selbstrettung sprang das kleine Übel über seinen Schatten, räusperte sich und schmeichelte warme Worte. “Jo, habe ich dir heute eigentlich schon gesagt, dass du gut aussiehst?” Aus dem runden Gesicht bettelte die Hoffnung, dass dieses Gratiskompliment seine Wirkung nicht verfehlen würde. Dabei sah das kleine Übel ein bisschen dämlich aus. Es sieht ja meistens dämlich aus, wenn ein kleines plüschiges Kuscheletwas mit Dackelblick und Prinzessinenblinzeln versucht, einen auf Eititei zu machen. Selbst wenn es ein kleines Übel ist. Aber Pohlmann reagierte nicht. Man mag ihm Härte und ein kaltes Herz vorwerfen, aber grundsätzlich war das die richtige Entscheidung. Auf so ein dummnaives Egoblinzeln reagiert man einfach nicht. Punkt.

Das kleine Übel atmete lang und laut aus und fiel in sich zusammen. “Alter, ich hätte nicht gedacht, dass du so krass drauf bist.”

“Ich auch nicht”, sagte Pohlmann und öffnete die Hände. Das kleine Übel verschwand im schwarzen Loch. Im Zimmer herrschte absolute Stille.

Pohlmann blickte aus dem Fenster, in die unsymmetrische Dunkelheit eines bedingt normalen Novembertages. “Was für eine bizarre geographische Beschaffenheit da draußen. Und hier drin”. Er sah sich im Zimmer um, in dem nichts an ihn erinnerte, außer die Reisetasche mit dem leeren Seitenfach und dem noch geschlossenen Hauptfach. “Und hier drin”, sagte er und tippte sich mit dem Finger an die Stirn. Die Außenwelt ist nichts dagegen. Am bizzarsten ist es doch immer noch im eigenen Köpfchen.

Pohlmann stieg vorsichtig über das Loch hinweg, hob die Reisetasche auf und drückte sie fest an seinen Körper. Eigentlich hatte er doch alles dabei für den Schritt in ein neues Leben. Was brauchte es schon, außer etwas Mut? Ja, ein bisschen was zu essen vielleicht noch. Pohlmann schloss die Augen. Es wurde warm. Er stand am Herd, schwenkte den Tag in etwas Zucker und ließ ihn leicht karamellisieren. Ein Schuss Realitätsreduktion dazu, eine Prise Wahnwitz. Und dann mit ein klein wenig Mut abschmecken. Mahlzeit. Pohlmann drehte sich um und ging zum Rand der tiefschwarzen Grube. Dann sprang auch er, und im Grunde trug dieses Verschwinden nicht zur Veränderung der Welt bei.