Pepe sprang zum Waldrand, Pohlmann schlurfte hinterher. „Was soll das, Jo? Lass Dich doch von so einer Flitzpiepe nicht einschüchtern. Du bist auf einem guten Weg, Mann!“ Pepe konnte selbst nicht glauben, was er da gerade von sich gab. Aber, wie hatte er neulich noch auf einer Fortbildung gelernt: Glaub an Autossuggestion, die ist gut und hilft dir schon. Sie gingen ein paar Meter zwischen den Bäumen hindurch. Das Unterholz knackte unter Pohlmanns Füßen, während Pepe versuchte, darunter durchzuschlüpfen. „Mach jetzt bloß nicht schlapp.“

„Kannst Du nochmal sagen, was Du vorhin gesagt hast?“, flüsterte Pohlmann erschöpft. „Das mit dem neuen Leben, dem Glück und so. Meine Reise.“

„Du bist auf der Suche nach dem Glück“, sagte Pepe, wieder mit einer Stimme, als würde er Pohlmann eine Urkunde verleihen. „Und ich bin Dein Begleiter.“

„Aber warum? Warum ich?“ Er ließ den Kopf auf die Brust sinken und verschränkte die Arme.

„Das liegt doch auf der Hand, Jo. Du bist ein unglücklicher Mensch. Und in den letzten Monaten sind Deine Unglücksvorräte auf eine sehr ungesunde Größe angewachsen.“

„Ich? Unglücklich? Ich bin nicht unglücklich.“

„Sagst Du. Was hast Du vorhin dem Zweifel gesagt? ‚Ich will zufrieden sein’. Wenn das nicht ein Eingeständnis ist. Noch nicht mal zufrieden bist Du. Das kommt in meiner Welt dem Unglücklichsein schon ziemlich nahe.“

„Hm“, seufzte Pohlmann. Er konnte nicht widersprechen. Allerdings wunderte er sich, wohin einen so eine Unzufriedenheit bringen konnte. In welch missliche Lage war er geraten? Bevor das kleine Übel auftauchte, hatte er sich über solche Fragen eigentlich nie Gedanken gemacht. Er hatte einfach sein Leben gelebt. Pohlmann blieb stehen und ließ den Blick schweifen. Überall Bäume. Es roch nach Blättern und Erde und goldenem Herbst. Er schloss die Augen und drehte sich um die eigene Achse. Dann wankte er ein Stück rückwärts durch das Erstaunen, bis ganz tief unten, wo man nach der Richtung im Kopf fragen kann. Aber er bekam keine Antwort. Stattdessen hörte er ein Rauschen, diesmal nicht in seinem Kopf. Pohlmann schlängelte sich durch das Gebüsch und stand urplötzlich am Ufer eines großen Flusses. Ein Sprungbrett ragte ein paar Meter ins Wasser hinein. Er stieg auf das Brett und setzte sich, seine Füße baumelten über der Wasseroberfläche. Ein leichter Nebel zog auf.

skkrrrtt

„Dass ihr beiden da nicht auf komische Gedanken kommt. Kommt da mal sofort wieder raus, bitte.“ Dukes Stimme schepperte dumpf durch die Bäume. In den Tönen lag eine leichte Note von Verzweiflung, was ja eigentlich nicht verwunderlich war, schließlich war er Spezialist.

„Jo“, sagte das kleine Übel einfühlsam und hüpfte Pohlmann auf die Schulter. „Weißt Du, ich komme immer dann, wenn Menschen unzufrieden sind. Das passiert ganz automatisch, wenn ein bestimmter Zeitpunkt erreicht ist. Und dieses Mal wurdest Du mir halt zugelost.“ Pepe sprang von Pohlmanns Schulter, lief ein paar Schritte das Sprungbrett entlang und drehte sich um. Er wedelte leicht mit den Armen und imitierte halbgelungen irgendein fliegendes Objekt. „Denk Dir einfach ich bin Dein Schutzengel, okay? Und ich meine, hey: Lieber ein kleines Übel, als ein großes, oder?“

Pohlmann schien unbeeindruckt. „Und warum brauche ich einen Begleiter?“

„Weil Du es alleine offensichtlich nicht auf die Kette kriegst, Du Veränderungslegastheniker!“, schimpfte Pepe. „Müdigkeit ist keine Form von Begeisterung, und keine Veränderung ist auch keine Lösung. Ein bisschen mehr Enthusiasmus, bitte.“

„Hm“, seufzte Pohlmann wieder. Es gibt Gegenden, da kennt man sich aus, und es gibt das eigene Ich, dachte Pohlmann und blickte verloren in die Landschaft. „Aber dass ich auf der Suche nach dem Glück bin heißt ja noch lange nicht, dass ich es finde, richtig?“

Klassiker, dachte Pepe und musste ernsthaft an sich halten, um die Geduld nicht zu verlieren. Was für eine Anspruchsneurose seine Klienten neuerdings mitbrachten, war wirklich erschreckend. Eierten trostlos durch ihr Leben, und wenn sie die Chance bekamen, einen neuen Schritt zu gehen, wenn sie das Glück hatten, einen niedlichen Schutzengel zur Seite zu haben, dann wollten sie immer sofort eine Erfolgsgarantie.

„Nein, Kollege“, sagte Pepe, und er schaffte es außerordentlich gut, seine Wut zurückzuhalten. „Aber was hast Du zu verlieren?“

„Mein altes Leben vielleicht?“ Pohlmann wollte noch ergänzen, dass er vielleicht auch dabei war, seinen Verstand zu verlieren. Aber das sagte er nicht, um es nicht wahrwerden zu lassen.

„Dein altes Leben.“ Pepe wedelte energisch mit dem Köpfchen. „Ganz ehrlich, Jo, Dein Kontakt zur Welt beschränkt sich doch aufs Dasein. Was hast Du denn vom Leben, hä?“

Pohlmann versuchte sich in einem strengen Blick, aber er glitt schnell ins Traurige. „Das ist fies, Pepe.“

Da war er also wieder, der alte Pepe. Daran müssen wir arbeiten, hatte sein Mentor schon während der Ausbildung immer gesagt. Diese emotionalen Entkopplungen seien nichts weiter als kontraproduktive Ego-Wellen und brächten jedes Begleitungsprojekt in eine existenzielle Krise. Pepe ächzte, halb, weil er seinen Fehler bereute, halb, weil sein Mentor immer schon ein selbstverliebter Sack war. Er war froh, endlich auf eigenen Füßen zu stehen. Zwei dünne Füße zwar, aber perfekte Begleiterfüße und ein perfektes Begleiterköpfchen am anderen Ende des Körpers. Und in den drei Jahren, die er nun schon zertifiziertes kleines Übel war, hatte er die meisten Klienten nicht durch seine aufbrausende Art verloren, sondern weil sie so übersensible Weichzeichner waren, in keinster Weise bereit für den nächsten Schritt.

„Ok, ja. Sorry“, entgegnete er schnell. „Anders gefragt: Kann das Neue so viel schlechter sein als das, was Du gerade hast?“

„Es kann immer noch schlimmer kommen“, seufzte Pohlmann. Und irgendwie wirkte es so, als meinte er tatsächlich, was er da gerade sagte.

„Mann Jo. Tut mir leid, wenn ich dich jetzt verletze, aber ich bin nun mal nicht so gut im Tröstgetue. Du weißt doch selbst, dass es so nicht weitergehen kann. Keine Freunde, keine Beziehung, eine heruntergewirtschaftete Zweizimmerwohnung, ein scheiße langweiliger Job, auf den Du schon seit Jahren keinen Bock mehr hast. Eigentlich noch nie hattest. Ich leiste Hilfe zur Selbsthilfe, Jo. Verstehst Du? Man muss den Zufall auch mal zulassen, wenn er vor einem steht. Der weltbeste Leute-in-den-Arsch-Treter, Jo, rate mal, wer das ist?“

„Aber was soll ich denn in einem neuen Leben?“

„Mein Gott, Pohlmann!“ Pepe stampfte mit dem linken Fuß auf das Sprungbrett. Es bewegte sich keinen Millimeter. „Auch Du kannst spannend sein. Ganz tief in Dir bist Du das bestimmt schon.“

Pohlmann drückte ein ersticktes Lachen in die bizarre Welt. „Ich, spannend? Ich bin in Wirklichkeit überhaupt nicht spannend. Nur schwierig.“

skkrrrtt

„Denkst Du, Jo, denkst Du. Aber wir werden Dich schon ändern.“ Das kleine Übel hüpfte über Pohlmann hinweg, sprang ins Gras, griff zielstrebig unter einen Stein am Ufer und zog einen gelben Fetzen Stoff hervor. Blitzschnell hatte sich Pepe das T-Shirt übergestreift und rief „Tadaa.“ Und Pohlmann? Der drehte sich um sah eine plüschige Pellwurst in einem zu knappen Oberteil. Und das Oberteil war nicht nur quietschgelb, sondern auch noch bedruckt. In knallroten Buchstaben prangte ein Schriftzug über Pepes aufgeplusterter Brust, die Wörter kaum größer als die Nummer auf Pohlmanns Kreditkarte. Pohlmann beugte sich herunter: „Du musst Dein Ändern leben“. Pohlmann hob die Augenbrauen. „Das ist jetzt nicht Dein Ernst, oder?“

Pepe versuchte regungslos zu bleiben. Es gelang ihm keine Sekunde. „Nicht wirklich“, sagte er und brach in lautes Gelächter aus. Also im üblen Sinne lautes Gelächter. Für Menschen hört sich das Gelächter eines kleinen Übels eher an wie ein diffuser und schwankender Pfeifton. Pohlmann wich erschrocken zurück. „Sorry, Jo. Aber Du glaubst gar nicht, wie viele Klienten auf diesen Spruch abfahren.“ Pepe rannte ein paar Meter zum Waldrand, zog unterwegs das T-Shirt aus und warf es Konrad, dem Konjunktivisten, der da gestanden und möglicherweise auch über einen Lebenswandel nachgedacht haben könnte, zum Fraß vor.

Dann hüpfte es wieder zu Pohlmann zurück. „Aber wer so einen Satz mag, der kommt nicht weit im Leben, glaub mir.“

„Und was sollte das dann?“

Pepe zuckte mit dem Fell. „Weiß nicht, kleiner Witz.“

„Aha“, sagte Pohlmann und blickte immer noch unentschlossen auf den Fluss. Das Wasser schob sich gleichmäßig von links nach rechts. Kleine Strömungen sorgten für Wirbel und Miniaturwellen.

„So, Jo, dann mal los jetzt.“

„Bin ich nicht wirklich ein bisschen zu alt für einen Neuanfang?“

„Meine Fresse, Pohlmann, es reicht jetzt.“ Das kleine Übel verdrehte die Augen. „Genug gezweifelt, das nervt. Du bist zweiundfünfzig. Es ist nie zu spät für einen Neuanfang. Und jetzt weiter. Die Zeit ist eine knappe Ressource.“ Auffordernd blickte Pepe zum anderen Ufer. „Supergrünes Gras, da drüben, wirst sehen. Du musst es nur wollen, Jo. Einfach beim Universum wünschen. Dann verglüht ein Stern am Himmel und Dein Wunsch geht in Erfüllung.“

skkrrrtt

Pohlmann hatte sich anscheinend überreden lassen. Wie sonst war es zu erklären, dass er die Augen schloss und wünschte. Ob es half, wusste er nicht, aber schaden konnte es ja vielleicht auch nicht. „Also dann“, sagte er. „Ich bin Pohlmann, und ich wünsche ein Ziel und nicht eine faule Ausrede am Ende.“ Ein kurzes Schweigen flog über den Fluss und schoss lautlos an den Pepe und Pohlmann vorbei. Letzterer blickte nach oben, und er hätte auch ohne Nebel sicher nicht mit bloßem Auge erkannt, dass ein Stern weniger am Himmel klebte.

Das kleine Übel machte einen Luftsprung, da es aber wachstumsbedingt nicht so hoch kam und Pohlmann versäumte sich zu bücken, machte es High-Five mit Pohlmanns Knie. Das sah albern aus, aber in Momenten reiner Freude und großen Jubels macht man häufiger alberne Sachen. „Yes. Das ist mein Jo“, jubelte Pepe. „Genau die richtige attitude for change. Respekt, Du lernst schnell.“

„Marlene“, hörte man Duke sorgenvoll-blau durch die Bäume rufen. „Schau doch mal bitte wo dieser Pohlmann ist. Ich komme mit dem Kunden nicht klar.“ Kurz darauf setzte wieder das schrille Trällern der Zukunftsangst ein. Pepe hielt sich die Ohren zu. Die singt genauso schrill wie Euphoria, dachte Pepe. Er sagte es nicht laut, um Pohlmann nicht noch mehr zu irritieren. Denn bis zum Berg der Euphoria war es noch eine sehr, sehr lange Reise. Wenn sie denn je dort ankommen würden. Man durfte den guten Pohlmann in so einem labilen Zustand nicht überfordern. Das wusste selbst ein kleines Übel. Und das galt insbesondere jetzt, wo Pohlmann sich endlich ein Ziel gewünscht hatte.

Die Zukunftsangst schlängelte sich adipös durch die Büsche und stand plötzlich neben Pohlmann. Also nicht wirklich plötzlich, denn ihr intensives Parfüm hatte der Wind schon vorher vorbeigeschickt, so dass Marlenes Erscheinen keine wirkliche Überraschung war. „Da ist ja mein kleiner Jo-ho. Was machst Du denn hier? Der Zweifel sucht Dich schon, Schätzchen. Komm brav wieder zur Lichtung und dann geh zurück in Dein altes Leben. Du wirst doch den Zweifel nicht enttäuschen wollen!?“

Pohlmanns ewiges Schweigen, sein leerer Blick, zur Zukunftsangst, auf den Fluss, rüber zum steinigen Ufer auf der anderen Seite, dann zu Pepe, der ihn immer noch auffordernd aus seinen plüschigen Augen anstarrte. Ein Angsthase lugte zwischen den Büschen hervor. Als er die Ansammlung komischer Wesen erblickte, verschwand er schnell wieder im Dickicht.

Insgesamt also eine durchaus interessante Situation, die durch die sonoren Geräusche, die aus Pohlmanns Bauch drangen, an Dramatik gewann. Lautes Knurren war zu hören, es versetzte Pepe in Angst und Marlene in Verzückung. In Pohlmann tobte der innere Schweinehund auf Hochniveau und Pepe war froh, dass dieses Monster per Definition nicht raus konnte. So ein Schweinehund konnte ziemlichen Schaden anrichten. Niemand hatte je einen gesehen, sie blieben ihr Leben lang im Körper dessen, den sie bekämpften. Aber was sie mit den armen Seelen machten, in denen sie wohnten und ihr Unheil anrichteten, sprach Bände. Wenn so ein Schweinehund als Sieger hervorging, hinterließ das bei den Verlieren häufig fiese seelische Narben.

„Ich bin Pohlmann“, sagte Pohlmann und sein Kopf fiel auf die Brust. „Pohlmann“, wiederholte er, als wäre seine Identität in Stein gemeißelt. Wieder das laute Knurren.

Das kleine Übel wiegte den Kopf hin und her. Schwierig war dieser Typ. Eine harte Nuss. Aber es half ja alles nichts. „Du musst Dich da jetzt durchbeißen, Jo. Merkst Du nicht, dass diese Freaks Dich um jeden Preis davon abbringen wollen weiter zu gehen? Solange Du bei diesen zwielichtigen Kollegen bist, wird Dir der Mut fehlen. Vertrau mir einfach mal und mach den ersten Schritt. Spring.“

Pohlmann hob den Kopf und deutete nach vorne. „Ins Wasser? Das ist doch kalt.“

Marlene klatschte in die Hände. Pepe verzog das Gesichtsfell. „Jo, bitte, jetzt mach hier bitte nicht die Memme. Und das mit dem kalten Wasser ist ein Flachwitz, ich weiß, tut mir Leid, ist aber nun mal so. Hat was mit physischer Transformation zu tun, höhere Biologie, fast schon transzendental.“ Das war zumindest das, was die großen Übel immer behaupteten. Pepe glaubte nicht wirklich daran. Er hielt es für einen kleinen Witz der großen Übel. Aber das behielt er für sich.

„Du bist Pohlmann“, sagte Pepe und zerrte an Pohlmanns Hosenzipfel.

„Ich weiß, wer ich bin“, sagte Pohlmann deutlich, aber dann wurde seine Stimme schwächer. „Wenigstens für einen Augenblick. Ich liebe auch die ersten Anzeichen von Unruhe.“

skkrrrtt

Mittlerweile stand der Mond am Himmel. Er schlängelte sein Weiß durch einen Ritz in den Wolken und leuchtete von schräg hinten auf die drei Gestalten herab. Das einzige, was Pohlmann noch vom Wasser trennte, war sein Schatten.

Pepe sprang ein paar Meter ins Schilf und kam mit einem für kleine Übel großen Tau wieder hervor. Aus Pohlmanns Perspektive handelte es sich eher um eine kleine Schnur.

„Außerdem habe ich keine Wechselklamotten dabei.“

„Herrgott, Joachim“, schimpfte Pepe, während er ein kleines Boot aus dem Schilf zog. Also Boot im Sinne von: schwimmfestes Pommes-Schälchen. Dieser Pohlmann war wirklich ein Weichei aus dem Lehrbuch. „Joachim“, sagte das kleine Übel, diesmal etwas sanfter, „wir machen eine Reise. Eine Reise zu Deinem neuen Ich. Und das einzige, woran Du denkst, sind Wechselklamotten? Du bist echt ein zäher Brocken, mein Lieber. Ich habe schon viele Menschen begleitet. Viele haben durchgehalten, einige sind wieder zurückgelehrt. Aber so seltsame Gründe wie Du hatte noch keiner. Man kann sich auch alles schlechtreden.“

„Du hast ein Boot?“

„Ja“, sagte Pepe, sprang in die schwimmende Schale, holte die Leine ein und war binnen Sekunden auf hoher See.

„Und ich?“

„Zu Fuß, nehme ich an. Oder Du schrumpfst Dich klein.“

„Das nenne ich einen Plan“, sagte Pohlmann.

Es begann zu regnen. Äußerst symmetrische Tropfen parallelisierten von oben nach unten und legten sich mit einem Gähnen auf die Wasseroberfläche.

Marlene deutete Pohlmanns Schwerfälligkeit als Schritt in die richtige Richtung. Aber sie hatte sich getäuscht. Denn so sehr das kleine Übel auch nervte, so unschlüssig Pohlmann auch war, ihm war das kleine Übel doch sehr ans Herz gewachsen. Das merkte er erst jetzt so richtig, je mehr Pepe aufs Wasser hinaus segelte und sich von Pohlmann entfernte. Und außerdem: Wenn es eh schon regnet, spielt das bisschen Wasser auch keine Rolle mehr, dachte Pohlmann in seiner typischen Art, und es klang eher resignativ als mutig. Das böse Knurren im Bauch wurde plötzlich zu einem jämmerlichen Jaulen, dann war Stille.

skkrrrtt

„Ich warte, und dann starte ich mit meinem Laienverstand in ein Irgendwann“, rief Pohlmann, und spätestens da hätte Marlene nichts Gutes ahnen können. Aber so ein Pohlmann war halt ein unstetes Wesen, und deswegen dachte sich die Zukunftsangst nichts dabei, als Pohlmann diese Worte von sich gab. Während Marlene also am Ufer stand und ihre großen Augen nicht mehr zu bekam, machte Pohlmann einen Schritt und sprang über seinen Schatten ins kalte Wasser. Sie versuchte noch, ihn aufzuhalten, aber mehr als einen kleinen Klatscher auf seinem Gesäß spürte er nicht.

Drei, vier Schritte und Pohlmann hatte Pepe erreicht. Die Beine bis zu den Knien im Wasser, die erste Ahnung von Kälte, die die Füße umhüllte und weiter nach oben kroch.

„Du hast es gut, Du hast ein Boot.“

„Pech gehabt“, sagte Pepe. „Aber schön, dass Du mitkommst. Gib mir mal Anschwung.“

Pohlmann hob das Wasser kurz an und sorgte für eine kleine Welle, auf der Pepe mit seinem Boot in Richtung Flussmitte davonglitt.

skkrrrtt

„So, und jetzt auf zu neuen Ufern“, rief das kleine Übel beschwingt. Pohlmann patschte durchs Wasser. Er fragte sich zu diesem Zeitpunkt nicht, warum er das tat. Er fragte sich auch nicht, wie tief der Fluss wohl war. Er ging einfach. Ohne Grund. Ohne Ziel. Ohne Wechselklamotten. Und mit Aussicht auf eine ganz fiese Erkältung.

Ein Schiff mit Totenkopffahne kontrastierte sich aus der Dunkelheit heraus und kam näher. Pohlmann schluckte. Nicht das auch noch. Er sah sich um, tastete die Taschen ab, auf der Suche nach den verbliebenen Habseligkeiten, die die Piraten ihm alsbald entwenden würden. Dabei spürte er in seiner Gesäßtasche einen dicken Knubbel. Pohlmann griff hinein und zog einen kleinen Baumwollbeutel hervor. Altweiß, ohne Aufdruck. Wo kam der denn auf einmal her? Pohlmann schluckte, wieder, diesmal noch schwerer. Was nehmen die Räuber, wenn man ihnen nichts geben kann, außer einer kleinen Tasche mit unbekanntem Inhalt? Das Leben? Aber welches? Vielleicht würden sie sich mit seinem alten Leben zufriedengeben. Aber vielleicht verlangten sie auch sein neues, obwohl das noch gar nicht richtig begonnen hatte. Das Schiff kam näher, es war viel kleiner als erwartet. Pohlmann erkannte eine Ratte, eine als Pirat verkleidete Ratte. Der Pirat im Beutekutter aß ein Brot mit Kräuterbutter und schwang beschwingt im Brezelrock den Stift über den Rätselblock. „Ahoi Pepe, wieder auf Tour?“

Pepe hob die Hand und nickte. „Räuber Ratte, alte Socke, schön Dich zu sehen.“

Weiter geschah nichts. Leise verschwand das Boot flussabwärts in der Dunkelheit.

Als Pohlmann die Szene verdaut hatte, fiel sein Blick auf den Beutel in seinen Händen. Der pohlmann’sche Alltagsenthusiasmus, der vorhin noch kurz in ihm gezuckt hatte, flatterte aus der Tasche hinaus und verschwand in den Nachthimmel. Pohlmann blickte in den Beutel und zählte. Zuerst leise, dann lauter. Er machte sich Sorgen, und irgendwann hatte er ungefähr fünfhundert. Er hoffte sich nur noch mühsam voran. Die Schritte wurden schwerer.

„Was hast du da?“, fragte das kleine Übel.

Pohlmann quetschte den Beutel an die Brust.

skkrrrtt

„Scheiße, Jo, was ist das?“ Pepe drehte bei, erreichte Pohlmanns Po, machte das Boot an einer Gürtelschlaufe der Hose fest, kletterte nach oben und schaffte es mit übler Kraft, einen Blick in den Beutel zu werfen.

„Alter, geht´s noch? Was soll die Scheiße denn?“

Pohlmann sagte nichts, er zählte weiter.

„Dreißig Schwierigkeiten hattest Du, als ich zu Dir kam. Und jetzt schleppst Du einen ganzen Beutel Sorgen mit Dir herum? Wie viele sind das? Zweihundert? Dreihundert?“

„Fünfhundert“, sagte Pohlmann kleinlaut. „Aber kleine.“

„Was“, schrie das kleine Übel ungläubig. „Schmeiß die Dinger weg, aber ein bisschen plötzlich.“ Pepe flatterte aufgeregt vor Pohlmanns Gesicht hin und her. „Bist Du total durchgeknallt? Wo kommen die denn her?“

Pohlmann zuckte mit den Schultern. Er wusste selbst nicht, wie diese Sorgen zu ihm gekommen waren. Aber Pepe hatte eine leise Ahnung, die er sofort lautstark verkündete. Er kletterte auf Pohlmanns Kopf und blickte zum Ufer.

„Ganz fiese Nummer, Du blöde Mamsell“, schrie das kleine Übel, aber die Zukunftsangst war längst weggetänzelt. Außerdem hätte sie die Fiepsstimme des Übels auf die Entfernung ohnehin nicht gehört. Pepe sprang auf Pohlmanns Arme, die noch immer den Beutel fest vor die Brust drückten. „Das war diese Marlene, die hat Dir den Beutel untergeschoben. Hast Du das nicht gemerkt?“

Pohlmann verneinte.

„Weißt Du eigentlich wie gefährlich Sorgen auf hoher See sind? Weg damit, aber zackig.“

Pohlmann zögerte.

„Mach schon“, forderte ihn das kleine Übel auf. „Herrje, Jo. Ich kann so nicht arbeiten. Wie willst Du in ein neues Leben gehen, wenn Du die ganze Zeit lang neue Sorgen sammelst. Fünfhundert. Alter!“

„Nur kleine.“

„Egal! Es ist doch immer so, dass man mehr Sorgen als wirkliche Probleme hat.“ Pepe zeigte aufs Wasser hinaus. „Und jetzt weg damit.“

Nach einer gefühlten Ewigkeit und drei ausgiebigen Pohlmann-Seufzern holte Pohlmann aus und warf die Sorgen von sich. Der Beutel klatschte ins Wasser und trieb ab. Mit einem Anflug von Wehmut sah Pohlmann dem schwimmenden Stofftäschchen hinterher.

Als sie am anderen Ufer ankamen, hatte Pohlmann einen Energielevel wie nassgewordener Trockenbeton. Erschöpft schleppte er sich an Land. Pepe hüpfte beherzt aus seiner überdimensionalen Nussschale und vertaute das Bötchen an einem Ast, der aus dem Wasser ragte. Dumpf und nur noch sehr leise ertönten das verzweifelte Jammern des Zweifels, der von nun an eine große Niederlage durch sein zweifelhaftes Dasein schleppen musste.