Es gibt so viele Unmöglichkeiten im Leben, dachte Pohlmann, dass man, wenn man nach links schaut, dann nach rechts, und dann wieder links und wieder rechts, also immer abwechselnd links und rechts guckt, dass man dann ja völlig automatisch mit dem Kopf schüttelt. Pohlmann rieb sich die Augen.

„Sind sie nicht schön, diese Scherben?“ Dukes Stimme pendelte zwischen Aggression und Romantik. Pohlmann verfolgte, wie die Glassplitter langsam zu Boden sanken. Wie kleine Diamanten kuschelten sie sich sanft auf den Erdboden. Dann erlosch ihr Glitzern, und schließlich verschwanden die Scherben. Pohlmann bemühte sich um Selbstbeherrschung. Nachdenken, dachte er, du musst jetzt genau überlegen, was zu tun ist. Er schaute nach links, dann nach rechts, dann wieder nach links, als wollte er eine Straße überqueren. Aber weit und breit gab es keine Straße. Und keine Gedanken.

skkrrrtt

Der Zweifel wackelte gelangweilt mit dem unförmigen Kopf. „Erst links, dann rechts, dann wieder links und dann wochenlang intensiv nachdenken.“ Duke erhob sich von seinem Thron und breitete die Arme aus. „Los, Herr Pohlmann, denken Sie nach, wie Sie den Zweifel überwinden können. Denken Sie nach, was das Beste für Sie ist. Verschwenden Sie Ihre Zeit mit Nachdenken über diese missliche Situation.“ Duke riss den Mund auf und klapperte mit den gefletschten Zähnen. „Los, Herr Pohlmann, lassen Sie den Zweifel an sich nagen.“ Er brach in schallendes Gelächter aus und klatschte sich mit der Hand gegen die Stirn. Also gegen die Fläche oberhalb der mit roten Funken behaarten Augen. Ob es sich um eine Stirn im klassischen Sinne handelte, wie es sie zum Beispiel bei Menschen wie Pohlmann gibt, das ist ungewiss.

„Wir müssen hier weg, und zwar schnell“, flüsterte Pepe und zupfte Pohlmann am Hosenbein. Aber der stand nur mit offenem Mund auf der Lichtung und blickte stumm in die Landschaft. Sein Herz pochte im Hals.

„Jo, komm jetzt“, sagte das kleine Übel, diesmal etwas lauter, und versuchte Pohlmann am Stoff seiner Hose davon zu ziehen, aber der spürte nur ein leichtes Kribbeln über dem Knöchel. Er seufzte in immer kürzeren Abständen und verlieh seinen dünnen Haaren durch willkürliches Raufen eine neue Ordnung, jede Handbewegung ein Ausdruck der Sehnsucht nach einem wohligen Zuhause, nach seinem strukturierten Leben, nach Sicherheit.

„Was? Ja, gut, weg, ja“, stammelte Pohlmann, machte auf dem Absatz kehrt und ging schnellen Schrittes in die Richtung, aus der er vor kurzem gekommen war.

„Jo, halt, das ist die falsche Richtung.“ Pepe hatte Mühe ihm zu folgen.

„Wieso?“, rief Pohlmann, ohne sich umzudrehen. „Ich muss zurück nach Hause. Morgen wieder zur Arbeit. Und die Spülmaschine muss ich auch noch ausräumen. Der Briefkasten quillt bestimmt schon über.“ Wieder ein Pohlmann-Seufzer. „Vielleicht ist es das Beste, ich gehe wieder zurück.“

Das große Vielleicht unterbrach sein Schnarchen, öffnete die Augen einen Spaltbreit, lugte kurz aus seinem Holzverschlag hervor, wie es das immer tut, wenn jemand seinen Namen ruft. Aber weil es immer erst beim dritten oder vierten Ruf reagiert, schlief es sofort wieder ein. Es ließ sich auch vom schallenden Gegröle des Zweifels nicht aufwecken. Dukes Lachen donnerte über die Lichtung. „Pepe, Mensch“, brüllte der Zweifel, „was hast Du Dir da denn für einen Weichzeichner ans Bein gebunden.“

„Mensch Jo“, schrie Pepe und sprang schnell auf Pohlmann zu, überholte ihn und baute sich in voller Größe vor ihm auf. Pohlmann blieb stehen und schaute ängstlich herab zu seinen Füßen.

„Jo“, keuchte das kleine Übel. „nicht so voreilig. Überleg doch mal.“

„Mache ich doch, habe ich schon, ich will hier weg.“

Hinter ihnen brachte eine schrille Sopran-Stimme die Baumwipfel zum Zittern. Eine vollbusige, grenzgewichtige Frau im esoterischen Walle-Walle-Kleid tänzelte über die Lichtung. Also tänzeln im übertragenen Sinne, denn während die Stimme die Baumwipfel zum Vibrieren brachte, ließ jeder ihrer Schritte den Erdboden beben. „Oh Gott“, entfuhr es Pohlmann und er suchte mit den Augen ein Ziel in entgegengesetzter Richtung. Den kürzesten Weg, den schnellsten, einen direkten Weg nach Hause. Wäre Pohlmann zu so etwas wie Panik fähig gewesen, was er aufgrund seines eher lethargischen Naturells nicht war, dann wäre er bestimmt panisch geworden. Pohlmanns Hektik äußerte sich lediglich in der Intensität des Haare Raufens und der Lautstärke seiner Seufzer.

„Halt Jo. Bleib ruhig. Du musst jetzt stark sein.“

„Wa-ha-has fü-hü-hüür ein Schla-ha-ha-hap-schwanz“, trällerte die blassgeschminkte Frau und warf sich die künstlichen Locken über die Schulter. Duke klatschte mit breitem Grinsen in die Hände. „Ja, Marlene, zeig ihnen, mit wem sie sich hier anlegen. Muah-ha-ha.“

„Wer ist das?“, fragte Pohlmann fassungslos.

„Das ist die Zukunftsangst, Jo, das ist die Frau vom Zweifel, eine ganz fiese Mamsell. Da kann einem der Duke fast leidtun. Der steht völlig unterm Pantoffel. Das geht schon Jahre so, dass …“ Pepe stockte kurz und schüttelte sein Fell. „Ist ja auch egal jetzt, das ist jedenfalls die Zukunftsangst, und die hat bekanntlich keine Eier, glücklich zu sein. Und ihr liebstes Hobby ist es, andere vom Glücklichsein abzuhalten.“

skkrrrtt

„Zukunftsangst? Eier? Glücklich?“, stammelte Pohlmann und wusste nicht wohin mit sich.

„Wir müssen weiter, Jo, vertrau mir. Ich weiß, dass Du stark genug dafür bist. Zeig es diesen Angstamateuren!“

„Hör doch endlich auf den armen Mann zu überreden“, rief Duke von seinem Thron. „Man könnte glauben, Du kriegst Provision. Wenn er gehen will, lass ihn gehen und such Dir eine größere Herausforderung als diese mutlose Niete da.“

Pepe zog mit ungeahnter Kraft an Pohlmanns Hosenbein. Pohlmann verstand und kniete nieder. „Hast Du das gehört, Jo? Der hat Dich mutlose Niete genannt! Bist Du das, Jo? Bist Du eine mutlose Niete? Bist Du ein Schlappschwanz? Willst Du wirklich lieber wieder in Dein honkiges Leben zurück?“

Pohlmann seufzte schwach ins Moos, das Herz klopfte nur noch dunkel und rutschte aus dem Hals durch den Bauch bis in die Hose. Vielleicht fiel es auch auf den Waldboden. Was war denn heutzutage schon unmöglich? „Ich weiß nicht. Vielleicht.“

Wieder ein Grunzen aus dem Holzverschlag, aber diesmal machte sich das große Vielleicht gar nicht erst die Mühe, die Augen zu öffnen. Es drehte sich grunzend zur Seite und schnarchte weiter.

„Das bist Du nicht, Jo. Auf keinen Fall.“

„Do-ho-hoch, das ist er. Ein Schla-ha-ha-happ-schwanz, wie ah-ah-ah-alle a-ha-ha-anderen.“ Die Zukunftsangst drehte eine Pirouette, doch ihre Waden verhakten sich ineinander, was zu einem unansehnlichen Ausfallschritt führte. Wieder wackelte der Erdboden.

„Pohlmann“, grunzte Duke. Komm her mein Freund, ich spendiere Dir ein Abschiedsbier. Du scheinst ja nicht so der Wein-Freund zu sein.“

„A-ha-ha-ber ein Freu-hoi-hoind des Weinens ist er si-hi-hi-hicher.“

Duke griff unter seinen Thron und zog eine Flasche hervor. „Null Dreiunddreißiger Stütze, mein Freund, mit Felsquellwasser und Premiumgerste, komm schon.“

Ein Bierchen, genau das richtige jetzt, dachte Pohlmann. Aber von diesem Typen? Er hatte Angst vor einem Hinterhalt und zweifelte, bis er merkte, dass er, wenn er schon zweifelte, ebenso gut mit einem Bier vom Zweifel zweifeln konnte. Es war zum verzweifeln, aber letztlich war der Durst stärker als die Angst. Und nach Hause konnte er schließlich nach dem Bier immer noch. Diesmal war es Pepe, der seufzte, aber nur halbherzig, denn wenigstens drehte sich Pohlmann jetzt um und marschierte in die richtige Richtung.

Zwei Meter vor Dukes Thron blieb Pohlmann stehen. „Hier mein Freund“, rief Duke und warf Pohlmann die Flasche zu. Der öffnete sie mit einem knappen Plopp und ließ das kalte Bier in seine Kehle gluckern. „Ahhhh“, stieß Pohlmann hervor und entließ einen kleinen Rülpser in die Atmosphäre. Das kleine Übel stand wortlos daneben und schüttelte den Kopf.

„So, Herr Pohlmann“, sagte Duke in tiefem Ton und holte tief Luft. „Lassen Sie uns doch noch eine kleine Konversation haben, bevor Sie uns wieder verlassen. Also, wie geht es Ihnen, so grundsätzlich?“

„Äh“, stotterte Pohlmann, „ich weiß nicht recht. Ich glaube, es geht so, denke ich. Keine Ahnung, ich will zufrieden sein.“

Ein leises Klatschen drang vom Boden zu Pohlmann herauf, wie eine kleine Fliege, die gegen eine Fensterscheibe prallt. Aber es war Pepe, der sich entrüstet mit der flachen Hand mehrfach vor die Stirn schlug. Oder zumindest an die Stelle, an der Menschen üblicherweise eine Stirn zu haben pflegen. Pohlmann wunderte sich, wieso diese Bewegung ein solches Geräusch verursachte, schließlich hatte Pepe doch ein Fell. Er trank noch einen Schluck Bier.

„Sie wollen zufrieden sein, soso“, sagte Duke staatsmännisch und kratzte die Knubbelnase. „Na, das ist doch mal ein Anfang. Und Sie planen wirklich in ein neues Leben zu wandern?“

Pohlmann hustete, etwas Bier lief ihm aus dem Mundwinkel. „Ja, äh, vielleicht. Ich meine, ich bin mir gar nicht sicher.“ Fragend sah er sich um, überall Bäume und komische Kreaturen und ein Waldboden, der weich federte, das Schnarchen des großen Vielleichts als Hintergrundgeräusch. „Ich habe nur das Gefühl.“

„Das Gefühl“, wiederholte Duke und beugte sich vor. „Mal im Ernst, Joachim. Ich darf Sie doch Joachim nennen?“

Pohlmann nickte unschlüssig.

„Wunderbar. Und darf ich Sie auch duzen, wenn wir schon beim Vornamen sind?“

Wieder nickte Pohlmann. Was hätte er auch anderes machen sollen? Sein Gefühl sagte ihm, dass es nicht die beste aller Ideen ist, sich mit dem Zweifel anzulegen.

„Glaubst Du, ein neues Leben ist das Richtige für Dich?“

Pohlmann schaute Pepe fragend an. Aber der sah nur zurück, und hätten seine Augen sprechen können, was, nebenbei bemerkt, Pohlmann in keiner Weise gewundert hätte, dann hätten diese Augen etwas gesagt wie: Guck mich nicht so an, du Knallkopf, Du wolltest hier ein Bier trinken und mit dem Typen plaudern, glaub bloß nicht, dass ich Dir bei der Nummer helfe. Aber Pepes Augen konnten nicht sprechen. Nur sein pupillenpräziser Blick, der war ziemlich vielsagend.

Duke beugte sich nach vorne, stützte jeden Ellenbogen auf das entsprechende Bein. Seine Hände formten eine kleine Mulde, in die hinein er seinen schweren Kopf legte. „Bist Du nicht zu alt für einen Neuanfang, hm?“

Pohlmann zuckte mit den Schultern. Zwischen den Ohren diese Zone war zweifelsohne nicht ganz ohne.

„Traust Du Dir das wirklich zu, Joachim?“

Pohlmann zuckte mit den Schultern und versuchte sich in Wortlosigkeit.

„Ah, ich verstehe“, sagte Duke. „Du versuchst mit einem bedeutungsschweren Schweigen eine Möglichkeit zu beschleunigen. Aber was wird das ausmachen, auf das Ganze bezogen?“

skkrrrtt

Pohlmann trank einen Schluck Bier und schwieg.

„Bist Du denn bereit für ein neues Leben?“

Falls irgendjemand den Trick noch nicht kennen sollte, für den gibt es jetzt einen Pohlmann-Profi-Tipp: Will man eine Antwort auf eine Frage hinauszögern, weil man sie nicht weiß, oder weil eine Antwort unangenehm wäre, und hat man zufällig, wie Pohlmann, ein Getränk zur Hand, dann empfiehlt es sich, erstmal einen kräftigen Schluck zu trinken und dadurch Zeit zu gewinnen. Genau das tat Pohlmann, denn schließlich hatte er in seinem fortgeschrittenen Alter schon eine gehörige Portion Lebenserfahrung und kannte derlei Tricks zu genüge. Pohlmann trank. Dann nahm er noch einen Schluck. Schließlich goss er etwas Bier hinterher. Anschließend verleibte er sich weitere Flüssigkeit ein, bevor er erneut an der Flasche nippte. Ein Zögern lag in der Luft wie ein schlechter Vergleich. Pohlmann trank einen Schluck Bier. Der nächste Rülpser war nur eine Frage der Zeit.

Und während Pohlmann so dastand und trank und mal mehr, mal weniger nachdachte, schwebte eine kleine Gestalt an ihm vorbei, unwesentlich größer als das kleine Übel, aber um ein Vielfaches hübscher. Und mit einem schillernden Leuchten um die zarten Flügel. Das Wesen kam ihm irgendwie bekannt vor, aber es brauchte noch drei weitere Bierschlücke, bis es ihm einfiel. „Pepe“, entfuhr es ihm und er sah erwartungsvoll hinunter zum kleinen Übel. „Pepe, ich habe gerade eine Entscheidung getroffen.“

Pepe wirkte nicht sonderlich beeindruckt. „Und? Hat sie Dich erkannt?“ Das kleine Übel starrte nach oben, was für kleine Übel bekanntlich alles ist, das sich mehr als zehn Zentimeter über dem Erdboden befindet. „Ich sehe keine Entscheidung.“

„Oh“, seufzte Pohlmann und nahm einen Schluck aus der Flasche. Das Wesen war weg. Kein schillerndes Leuchten weit und breit.

„Joachim“, räusperte Duke leise.

Ach ja, der Zweifel, den gab es ja auch noch. „Ja?“, fragte Pohlmann und fühlte sich ertappt. Reflexartig hob er die Flasche zum Mund.

„Bist Du wirklich bereit für ein neues Leben?“

„Ich bin mir gar nicht sicher. Ich habe nur das Gefühl“, sagte Pohlmann nochmal, begleitet von einem kleinen Rülpser. Pepe schaute ihn mit großen Augen an, aber auf Pohlmanns Gesicht und vor allem in seinen glasigen Augen züngelten große, hellstrahlige Zweifel. Pepe winkte ab, und es überraschte ihn auch nicht, als Pohlmann, nach einem weiteren Schluck, mit sonorer Überzeugung sagte. „Ich bin bereit. Ich habe aber noch irgendwelche Fragen.“

skkrrrtt

Duke atmete lang aus und tief ein. Gerade nochmal Glück gehabt, wird er wohl gedacht haben, denn von so einem wie Pohlmann erwartete man ja nicht, dass er wirklich bereit war. So ein Pohlmann war schließlich bekannt dafür, Weltmeister im Zurückrudern zu sein. Oder zumindest Olympiasieger im Gemütsdrücken. So ein definitives ‚Aber sicher, los geht´s‘ hätte gar nicht ins Pohlmann-Schema gepasst. Das wusste auch Duke. Es wäre eine Premiere gewesen, und ein persönliches Desaster. In der zweifelnden Community hätte ihm das einen ziemlichen Imageverlust eingebracht. Aber so: läuft doch alles. Alles im grünen Bereich. Und da musste Duke kurz grinsen, denn in diesem Wald hier waren sie ja wirklich im grünen Bereich. Ein sattes, tiefes Grün, so richtig volle Natur. Die Erleichterung stand dem Zweifel ins Gesicht geschrieben. Und da stand auch, dass Duke in seiner ganzen Laufbahn als Zweifel noch nicht einen vor sich gehabt hatte, der so pohlmannmäßig rumgeeiert ist und dann, mir nichts dir nichts, einfach mal so gesagt hatte, dass er bereit sei. Diese ganzen Leute, denen er hier tagtäglich begegnete, langweilten ihn irgendwie. Immer dieselbe Show.

„Gut, sehr gut“, sagte Duke. „Nicht sicher sein ist doch schon mal ein Anfang. Joachim. Und irgendwelche Fragen sind besser als keine Fragen.“

Die Zukunftsangst tänzelte zu ihrem Gatten und setzte sich auf die Thronlehne. „Siehst Du, Marlene, hier haben wir einen vernünftigen Menschen vor uns. Joachim, kann ich Dir vielleicht irgendwelche Fragen beantworten? Irgendetwas, das Dir Deine Entscheidung, zurück zu gehen, erleichtert?“

Pohlmann überlegte, welche Fragen er dem Zweifel stellen könnte. Es fielen ihm so viele ein. Und dann doch wieder keine. Er nahm den letzten Schluck Bier, und dann war da doch eine Frage, die ihn aktuell beschäftigte. „Wohin soll die?“ sagte er und wedelte mit der Flasche.

„Einfach irgendwo hinwerfen“, entgegnete Duke mit einer abfälligen Handbewegung. Als wollte er mit gutem Beispiel vorangehen, ließ er sich ein neues Glas Rotwein geben, leerte es in einem Zug und warf das Glas weit hinaus auf die Lichtung. Es landete ein paar Meter neben dem Unterschlupf des großen Vielleichts, im üblichen Scherbenregen. Unschlüssig holte Pohlmann aus und warf die leere Flasche mit gebremster Kraft zwei Meter neben sich. Sie landete unbeschadet auf dem weichen Moos.

Der Zweifel seufzte. Wenn das die erste Frage war, die diesem komischen Vogel in den Sinn kam, dann konnte es ja mit dem neuen Leben nicht so weit her sein. „Ich glaube, es ist besser für Dich, wenn Du in Dein altes Leben zurückgehst. Da kennst du dich wenigstens aus.“

Pohlmann wusste keine Antwort. Seinen Bier-Trick konnte er nun auch nicht mehr anwenden. Also nickte er einfach. Manchmal kam es ihm vor, als wäre er einfach nur schluff-schluff.

skkrrrtt

„Geht´s noch, Jo?“, schaltete sich das kleine Übel ein. Wir laufen hier durch die Gegend und ich reiße mir den Arsch auf, Dich auf Spur zu bringen, und Du nickst einfach, wenn der Kerl Dir sowas sagt?“

Pohlmann nickte. Duke hatte Recht. Hier war alles so neu, so anders. Ungewohnt. Und seltsam. Es war anstrengend. Fliegende Vielleichts, alkoholisierte Zweifel, eine schief trällernde Zukunftsangst, ein nerviges kleine Übel und wer weiß, was noch alles in diesem Absurdiversum auf ihn wartete. Ihn überkam der Wunsch nach einem heißen Tee und seinem gemütlichen alten Sofa. Ein Butterbrot mit Lieblingssalami dazu. Und Ruhe. Und am anderen Tag um zwanzig nach sechs aufstehen, frühstücken und dann ab ins Büro. So sehr wie in diesem Moment hatte er sich in den letzten Jahren nie nach seinem Schreibtisch gesehnt. Bedröppelt blickte Pohlmann zu Pepe. „Ich will nach Hause.“

„Das ist doch mal eine Ansage“, freute sich der Zweifel. Das klingt nach einer Entscheidung. Damit wäre unser Gespräch ja dann auch beendet. Und wenn ich Dir noch einen Satz für Dein weiteres Leben mit auf den Weg geben darf, den ich schon von meinem Vater geerbt habe: Denke immer positiv, außer Du bist noch ganz klar im Kopf, dann denke klar!“

Kaum hatte Duke diese Worte gesprochen, ertönte ein Knistern über Pohlmanns Kopf. So ein unschönes Plastiktütenknistern, das zweitunangenehmste Geräusch nach quietschendem Styropor. So klangen die wertlosen Tage, mit diesen Tönen bekämpften die Niederlagen das Selbstbewusstsein und drangen tief in die ungeschützte Seele ein. Als das Tagesknistern zu laut wurde, klappte Pohlmann die Ohrenlider herunter und versank in akustischer Dunkelheit. Aus unempfindlichen Gründen verstand er die Welt nicht mehr. Sie ihn schon lange nicht. Mit einem Wort: Er war nichts weiter als ein Multifunktionsfragment.

„Jo!“ Das kleine Übel spürte den Ernst der Lage. Sein Schützling fiel in sich zusammen. Das Rückgrat schien pulverisiert. Mit jedem Atemzug wurde er kleiner. „Jetzt bloß nicht einknicken, Jo. Der will Dich nur verunsichern. Ich bin immer noch der Ansicht, wir sollten anderer Meinung sein.“

skkrrrtt

„Ich weiß nicht, Pepe. Ich meine, wir hatten eine schöne Zeit, es war aufregend und so, aber vielleicht ist es besser ich gehe zurück.“

„Quatsch, Jo, das willst Du nicht wirklich.“ Das kleine Übel deutete zu Duke. „Der da will, dass Du es willst. So ist der Zweifel nun mal, ein ganz hinterhältiger Sack.“

„He. Du kleiner Fellball da. Sei mal etwas respektvoller, wenn ich bitten darf“, echauffierte sich Duke.

Pepe zupfte Pohlmann hastig am Hosenbein. „Sorry, Zweifel, kann ich mal kurz mit meinem Klienten unter vier Augen sprechen?“

„Wenn´s sein muss. Zwei Minuten, länger nicht“, sprach der Zweifel und ließ sich auf ein Zeichen hin von einem hundeförmigen Etwas ein neues Glas Wein bringen. Zwei Minuten, was machten die schon aus, auf das Ganze bezogen?