skkrrrtt

Da lag er nun also. Keine Ahnung wie lange schon. Von oben schimmerte ein diffuses Licht herab. Über dem leeren Köpfchen drehten vier kleine Engel ohne Flügel ihre Runden. Wie so häufig war das Gefühl schneller als die Gedanken, und Pohlmann fühlte sich eingelullt in eine Nahtoderfahrung. Was ja kompletter Quatsch war, wie ihm seine Gedanken kurz darauf bestätigten. Sicher, von einem quietschfröhlichen und bunten Leben war er so weit entfernt wie eine Amöbe vom Tangotanzen, aber immerhin. Es hätte schlimmer kommen können.

Bevor Pohlmann einen Sinn für die neue Realität entwickeln konnte, bevor er sich eine Orientierung verschaffen konnte, wo er denn nun war und auf welche neue Umgebung er sich einzustellen hatte, verschwand das Licht wieder. Als ob jemand an einem Dimmer rumspielt und langsam die Stromzufuhr reduziert, bis schließlich absolute Dunkelheit herrscht. Oder als ob sich der Teppich in diesem Hotelzimmer wieder über das schwarze Loch gelegt hatte. Und das war der eigentliche Aha-Moment, der Pohlmann einen Sinn für die Gegenwart ins Hirn drückte, weil er sich mit einem Schlag daran erinnerte, wie er in diese missliche Lage gekommen war.

Wenn alles stockfinster ist, spielt es eigentlich keine Rolle, ob die Augen geöffnet oder geschlossen sind. Aber Pohlmann ging es so, wie es wahrscheinlich vielen von uns geht: mit geschlossen Augen fühlt man sich irgendwie ausgeliefert. Hilflos. Also klappte Pohlmann die Lider hoch und merkte, wie seine Pupillen immer größer wurden und verzweifelt versuchten, einen Hauch von Licht auf die Rezeptoren zu schicken. Vergeblich. Wer, wie Pohlmann hier in der Dunkelkammer, einer Sinneswahrnehmung beraubt wurde, merkt häufig, dass die anderen Sinne viel wacher sind. Vielleicht lag es an der Stille, vielleicht aber auch an der Dunkelheit, jedenfalls kam ihm sein Seufzen diesmal vor wie ein Donnerhall.

Pohlmann stand vorsichtig auf und tappte unförmig im Dunklen umher. Er wünschte sich vor die hässliche Tapete des Hotelzimmers zurück. Dort gab es wenigstens Licht. Hier unten war es dunkel wie die Erinnerung an ein besseres Leben. Oder die Hoffnung darauf, je nachdem von welcher Seite man das betrachtete. Aber war es überhaupt ein “Unten”? Er konnte sich gar nicht an einen Fall erinnern. Pohlmann ließ seine Hände über die Körperoberfläche wandern, tastete vorsichtig Kopf, Arme, Beine und Bauch ab. Kein Blut, keine offene Wunde, kein Bruch. Schien soweit alles in Ordnung zu sein. Soweit man in dieser Situation überhaupt von Ordnung sprechen konnte. Lediglich der Kopf schmerzte ein wenig, aber alles in allem wollte Pohlmann sich darüber nicht beklagen. Es wäre Jammern auf hohem Niveau gewesen. Nach so einer Aktion musste er froh sein, mit einem kleinen Kopfweh davon gekommen zu sein. Pohlmann drückte seinen Rücken gegen etwas, das sich anfühlte wie eine Wand. Langsam rutschte er zu Boden.

Dunkelheit und Stille und Kopfschmerzen und keine Ahnung wie es weitergeht. Pohlmann stöhnte, aber niemand wollte es hören. Er rieb sich den Kopf. Ein leises Röcheln drang durch das Schwarz, verwandelte sich in ein aufgeregtes Fiepen und verhedderte sich in seinem Trommelfell. “Das war `ne ziemliche Scheiß-Aktion von dir, Jo.” Das kleine Übel hüpfte aufgeregt von einem Plüschbein aufs andere und boxte Pohlmann in die Seite. “Kannst du mir mal sagen, was das sollte? Mich einfach so in dieses Loch zu werfen? Du asozialer Vollhonk!”

Pohlmann wurde kalt und heiß. Fast hörte man den Schweiß durch die Gänsehaut tropfen. Er wusste nicht, ob er lachen oder weinen sollte. Das kleine Übel war noch da, und anscheinend ging es ihm gut. Zumindest so gut, dass es seinen Sinn fürs Vorwurfsvolle nicht verloren hatte. Andererseits: wenn das kleine Übel noch hier war, lagen seine Schwierigkeiten, die er hoffte in diesem Loch entsorgt zu haben, wahrscheinlich auch noch irgendwo herum.

“Mein aktueller Feind: the current state of mind. Ganz ehrlich, Jo. Ich bin verwirrt. Verwirrt und enttäuscht”, sagte das kleine Übel schnippisch und kreuzte gekränkt die kleinen Plüschärmchen.

Pohlmann seufzte und rieb sich den Kopf. “Ist ja gut, hör auf.”

“Aufhören? Ich fange gerade erst an, du Egotrottel. Wie würdest du dich fühlen, wenn dich jemand in ein schwarzes Loch wirft. Hä?”

skkrrrtt

Wieder ein Seufzen. Er erschrak und musste husten. Das wiederum war so dermaßen laut, dass er sich die Hände auf die Ohren presste. Es gibt Tage, an denen ist alles ohne Gefühl für die Wirklichkeit. “Wo sind wir hier eigentlich”, fragte Pohlmann, immer noch leicht umnebelt.

“Woher soll ich das wissen?” Hätte Pohlmann das kleine Übel schon etwas länger gekannt, wäre ihm sicherlich dieser schelmische Unterton aufgefallen. Das kleine Übel wusste natürlich ganz genau, wo sie waren. Nur wollte es Pohlmann noch ein wenig im Unklaren lassen. Hier war es so duster, da wäre eine erhellende Erklärung zum jetzigen Zeitpunkt fehl am Platze gewesen. Außerdem braucht jeder seine gerechte Strafe, dachte es erzürnt, schließlich hat der Typ mich einfach ins Loch geschmissen, ohne mit der Wimper zu zucken. Hätte das kleine Übel eine Stirn gehabt wie normale Menschen, wäre sie jetzt bestimmt ganz faltig und runzelig gewesen wie bei echten Denkern oder Hassern. Aber das kleine Übel war kein normaler Mensch. Im Grunde war es weder Mensch noch normal. Also eigentlich doppelt anders. Aber was spielte das hier unten für eine Rolle? Wenn es dunkel ist, ist das Aussehen so egal wie selten.

Pohlmann reagierte auf das Schweigen des Übels mit einem weiteren Seufzer. Und zwar mit einem, der von ganz tief unten kam. So ein richtig langatmiger, der die Verzweiflung mit einem fetten akustischen Textmarker unterstreicht.

“Alter, jetzt hör du doch mal auf mit diesem Rumgeseufze. Das macht einem ja noch das ganze Fell matt. Kann ja keiner ertragen.” Weil es dunkel war, konnte Pohlmann nicht sehen, wie sich das kleine Übel behutsam über den plüschigen Bauch strich. “Wenn du ein Bad in Selbstmitleid nehmen möchtest, bitte: Zehn Schritte geradeaus, dann links, zweite Tür auf der rechten Seite. Ist ganz kuschelig da in den Nassräumen.”

Wäre es nicht so dunkel gewesen, hätte das kleine Übel die Fragezeichen auf Pohlmanns Gesicht erkennen können. Es hätte Pohlmanns kritischen Blick bemerkt, mit dem er das kleine Übel zu treffen versuchte. Aber es war nun einmal dunkel und nirgendwo gab es einen Hinweis auf neue einen Lichtschalter. So ging Pohlmanns Blick ins Leere, die Fragezeichen verpufften im Raum, und das kleine Übel merkte nichts von alldem.

“Du scheinst dich ja gut auszukennen”, sagte Pohlmann nach einer Weile. “Warst du schon mal hier?”

“Hihi”, fiepste das kleine Übel. “Du hast die tiefen Teller aber auch nicht erfunden, oder Joachim? Zähl doch mal eins und eins zusammen. Ich in deinem Kleiderschrank, das schwarze Loch im Hotelzimmer. Wir beide hier unten. Glaubst du, das ist ein Zufall?”

Pohlmann sagte nichts. Dauerirritation macht mitunter sprachlos.

“Denk doch mal etwas weiter, als nur von der Wand bis zur Tapete.” Das kleine Übel giggelte nun immer lauter, klopfte sich mit dem kleinen Händchen auf die dürren Oberschenkel.

Hätte Pohlmann ein wenig mehr Fassung gehabt, die er hätte verlieren können, er hätte sie spätestens jetzt verloren. Aber er hatte keine. Das war irgendwie alles zu viel und ließ sich nicht richtig einordnen. Und dann musste dieses kleine Plüschmonster auch noch das Wort ‘Tapete’ sagen und ihn an das schmerzvolle Wandmuster in diesem Hotelzimmer erinnern.

Die Zeit verging, das Dunkel blieb. Pohlmann rückte nervös auf seinen Pobacken hin und her, erhob sich irgendwann, machte einen Schritt nach vorne und stand ohne Halt im Raum. “Na gut. Du hast gewonnen. Vielleicht bist du so freundlich und erzählst mir jetzt, wo wir hier sind?”

“Erstens”, begann das kleine Übel, als würde nun eine lange Liste von Gegenargumenten folgen, “ist das hier kein Spiel, Jo. Ich kann also gar nicht gewinnen.”

Pohlmann wartete ein paar Sekunden ab, aber es kam nichts mehr. “Und zweitens?”

“Wie, zweitens?” “Na, du hast ‘erstens’ gesagt. Dann folgt in der Regel auch zweitens.” “Du bist ein Fuchs, Jo. Dass du dass gemerkt hast. Zweitens sind wir hier an dem Ort, an dem deine Ängste begraben sind.“

Pohlmann wusste nicht, wie er reagieren sollte. Aber letztendlich war es ja kaum möglich, nicht zu reagieren. Das merkte er, als er ein hüstelndes Kichern hervorblies. “Meine Ängste? Begraben? Du hast sie ja nicht mehr alle.”

“Jaja. Halt du das nur für sinnloses Geschwurbel. Du wirst schon sehen, wohin dich das bringt.”

Ein dumpfes Ploppen drang durch das tiefe Schwarz, gefolgt von einem leisen Quietschen. Ein grauer Schleier fiel in den Raum. Unter normalen Umständen wäre dieses Grau als dunkel zu bezeichnen gewesen. Aber wenn man eine gewisse Zeit in einem stockfinsteren Raum verbringt, kann selbst ein dunkles Grau wie ein gleißender Sonnenstrahl wirken. Verrückt, oder? Pohlmann hielt sich für einen Moment die Hand vors Gesicht, bis sich seine Augen an die neue Lichtsituation gewöhnt hatten.

“Was ist los mit dir, Jo? Bisschen hypersensibel?” Das kleine Übel sprang von der Klinke, die es wohl durch akrobatisches Hüpfen heruntergedrückt hatte. Pohlmann sah die Umrisse: eine schwarze Kugel vor dem grauen Licht, das durch den Türspalt drang. Mit dem linken der winzigen Füßchen tappte es aufgeregt auf den Boden. “Hast du dich bequem eingerichtet, oder wollen wir endlich mal einen Schritt wagen?”

“Was?”

“Jo”, sagte das kleine Übel genervt, “hast du denn überhaupt keine Ziele?”

“Was soll das denn jetzt? Wir sind hier irgendwo im Nirgendwo und du fragst mich nach Zielen?”

“Klein anfangen, Jo. Und vor allem: ruhig bleiben.” Das kleine Übel zockelte auf Pohlmann zu, der immer noch wie angewurzelt im Raum stand. “Ziele setzen, Jo. Kleine, erreichbare Ziele. Zum Beispiel erstmal hier raus aus der Dunkelheit.”

skkrrrtt

Das kleine Übel tänzelte ein paar Schritte zur Seite und wies mit der plüschigen Hand zur Tür. Pohlmanns Muskeln wurden labberig, seine Knie weich wie Butter. Er hatte die Standfestigkeit eines Geschwächten, aber er hangelte sich voran, durch gelegentliche Bewegungen, hinkte zur Tür, stolperte dabei über einen formlosen Haufen auf dem Boden und konnte sich gerade so am Türrahmen abstützen, um einen Sturz zu vermeiden. “Was ist das denn?”

“Das sind deine Schwierigkeiten, Jo. Weißt du noch? Du hast die alle in das schwarze Loch geworfen. UND MICH GLEICH MIT, DU HERZLOSER SACK!”

“Ist ja gut, ist ja gut”, versuchte Pohlmann zu beruhigen. “Könntest du mir das jetzt bitte nicht ständig aufs Brot schmieren?”

Das kleine Übel rieb sich das Kinn. Naja, es rieb sich die Stelle, wo bei Menschen normalerweise das Kinn ist. Ob kleine Übel ein Kinn haben, ist noch nicht vollständig bewiesen. Aber eigentlich ist es auch nur eine Redewendung. Jedenfalls: das kleine Übel wirkte kurzzeitig etwas nachdenklich. “Kann ich dir nicht versprechen, Jo. Wie gesagt, das war eine ziemliche Scheiß-Nummer von dir.”

“Jaja”, sagte Pohlmann und blickte vorsichtig durch die Tür nach draußen. Obwohl er sich unsicher war, ob es überhaupt ein Draußen war. Es sah aus wie ein anderer Raum. Es hätte aber auch ein Draußen sein können, in einem völlig dichten nächtlichen Nebel. Dunkelgrau eben.

“Na dann mal los”, sagte das kleine Übel fordernd und versuchte Pohlmann aus dem dunklen Raum zu schubsen. Was natürlich überhaupt nicht funktionierte. Pohlmann spürte nur ein nerviges Kitzeln an seinem linken Knöchel. Mit einem Seufzer drehte er sich noch einmal um und sah den Haufen Schwierigkeiten in der Mitte der Dunkelkammer liegen.

“Nee, Jo, nee.” Das kleine Übel wedelte kopfschüttelnd mit dem Zeigefinger in der Luft herum. “Die Schwierigkeiten lassen wir schön hier. Die würden uns nur unnötig belasten.” Es lief an Pohlmann vorbei nach draußen und trommelte ihm dabei nochmal kräftig auf den Knöchel. “On y va. Allez, allez.”