Was für eine grundhässliche Tapete. Hätte er nicht aufgrund des Schlafmangels schon Augenringe gehabt, spätestens der Anblick dieser Wandverkleidung hätte sie ihm unter die Tränensäcke geritzt. Nur Probleme. Überall nur Probleme. Herrje. Ein dickes Seufzen legte sich in die stickige Luft und fiel nicht nach unten. Diese Luft, meine Güte. Man bekam kaum welche. Die Staubpartikel tanzten umher und verursachten einen dichten Nebel. Das Novemberwetter war nichts dagegen.

skkrrrtt

Joachim-Alexander Pohlmann, Vollzeit-Beamter und Teilzeit-Exzentriker, ein schüchternes Weichei, das sich trotz seiner 52 Jahre noch ernsthafte Sorgen um seine Haare machte, die im Laufe der letzten Jahre erschütternd dünn geworden waren, starrte mit leerem Blick auf die Reisetasche, die vor ihm auf dem Fußboden stand und in diesem gesichtslosen Hotelzimmer etwas verloren wirkte. Immer wieder rieb er sich die Augen, kniff sie zu und drückte mit den Fingern hinein, bis sich die Muster vor seinem inneren Auge in ein schmerzhaftes Weiß verwandelten. Dann riss er die Augen wieder auf und vergewisserte sich, dass die Umgebung noch dieselbe war. Dem Kopfschütteln folgte ein langes Seufzen, und nach dem Seufzen warf Pohlmann die Hände wieder ins Gesicht, drückte die Finger wie Stacheln in die Augen. Das ging nun schon eine halbe Stunde so. Was hatte Pohlmann auch erwartet? Dass er plötzlich ganz woanders war? Dass diese Tasche einfach verschwand? So funktionierte das Leben nicht. Pohlmann wusste das, schließlich war er ausgebildeter Realist mit Praxisschwerpunkt Desillusionierung. Aber in so einer Situation ist es mit dem gesunden Menschenverstand nicht weit her.

Das kleine Übel saß neben ihm auf dem Bett, ein plüschiges Etwas, das seinem Namen keine Ehre machte. Es war gar nicht so klein wie man sich ein kleines Übel immer vorstellt. Wobei es ja eigentlich jedem selbst überlassen ist zu bestimmen, wie groß so ein kleines Übel zu sein hat. Und es war eigentlich auch gar nicht so übel, man konnte sich nett mit ihm unterhalten. Es war äußerst zuvorkommend und hatte einen Humor, der dem Alltag ein Lächeln auf die routineverklebten Lippen zaubern konnte. Manchmal war es zwar etwas frech und nervte, aber so sind kleine Übel eben: klein, aber übel. Im Großen und Ganzen war es ein unterhaltsamer Zeitgenosse.

Doch Pohlmann war nicht nach Unterhaltung, das spürte auch das kleine Übel, das reglos auf der Daunendecke saß und sich bemühte, unscheinbar zu wirken. Eine halbe Stunde hatte es schon geschafft, aber dieses Seufzen und Kopfschütteln, das Pohlmann hier gerade in Dauerschleife präsentierte, war nicht mehr zu ertragen. Genervt verdrehte es die überdimensionalen Glubschaugen.

“Jo?” Pohlmann reagierte nicht. “Jo-ho!” Wieder das Kopfschütteln, das Seufzen, die Finger in die Augen. “Joachim!” Das kleine Übel hüpfte auf Pohlmanns rechtem Oberschenkel auf und ab. “Joachim-Alexander”, sagte das kleine Übel streng. Das heißt, soweit eine schrille Piepsstimme überhaupt streng klingen kann. “Was denn?” entgegnete Pohlmann schroff und fegte mit der Hand über seine Beine. “Mein Gott. Wir kennen uns nicht mal 12 Stunden und du hörst dich schon an wie meine Mutter.”

Erschrocken hüpfte das kleine Übel wieder aufs Bett, Richtung Kopfkissen, in sichere Entfernung. “Ich glaube, Du solltest etwas tun. Oder willst du hier einfach nur rumsitzen?”

Pohlmann nickte schwerfällig, drückte sich aus dem Federkern nach oben. Das kleine Übel hatte Recht. Er musste etwas tun. Aber was? Und vor allem: wie? Er wollte gerne können, aber er konnte nicht. Was wohl daran lag, dass er keinen Plan hatte, wie man in so einer Situation normalerweise reagieren sollte. Neues war nicht so sein Ding.

skkrrrtt

Dazu muss man wissen, dass Pohlmann einen Job hatte, der ihn konsequent unterforderte. Da hatte sich im Laufe der Zeit ziemlich viel Energie angesammelt, die er gerne sinnvoll eingesetzt hätte. Für Neues, zum Beispiel. Aber es gab irgendwie nie die Gelegenheit dazu. Der Aufbruch blieb immer unvollendet. Seine Energie wuchs stetig weiter und hatte seit 22 Jahren kein Ventil mehr gefunden. So lange arbeitete Pohlmann bereits als Retrotechnik-Beauftragter seiner Behörde. Seine Arbeit bestand darin, kaputtes Altes durch neues Altes zu ersetzen. Niemals durch neues Neues. Diese Behörde war voll mit Technik aus den 1980er Jahren. Immer, wenn etwas Altes kaputt ging, musste Pohlmann - so stand es in der Anweisung - abwägen, wie teuer es wäre, die alte Technik durch neue zu ersetzen, und wie lange das dauern würde. Und immer, wenn es zu teuer war, oder wenn die Erneuerung doppelt so lange dauerte wie eine Instandsetzung des Alten, musste er spezielle Rückwärtsfirmen beauftragen, neue Ersatzteile für die veraltete Technik herzustellen. In 22 Jahren wurde noch nicht einmal kaputte Technik gegen neue ausgetauscht. Noch nicht einmal. Verwaltung, was will man auch erwarten? Bestandssicherung und Innovationsangst. Im Amt sagten sie “stabile Verhältnisse” dazu. Bloß keine Experimente. Im Grunde war das ein Witz. Aber es war sein Job, und sein Job war sein Leben. Also war, wie Pohlmann in den letzten Wochen immer klarer wurde, sein Leben im Grunde ein einziger Witz. Vor allem ohne eine entsprechende Frau, die über diesen Witz lachen konnte. Kein Wunder, dass die Schwierigkeiten immer mehr wurden.

Am Morgen hatte Pohlmanns Wecker geklingelt. Wie immer. Um 6:20 Uhr. Aber heute war er nicht zur Arbeit gegangen. Stattdessen hatte er die Reisetasche aus dem Garderobenschrank geholt, fest entschlossen, sein Leben zu ändern. Genau das bescherte Pohlmann die erste Schwierigkeit des noch jungen Tages: Woher bekam ein schüchterner Beamter in seinen Fünfzigern, der überdies von schütterem Haar und einer unförmigen Nase geplagt und auch sonst nur bedingt ansehnlich war, neue Würze in sein Leben? Es war erst halb acht, als Pohlmann bereits eine Dreiviertelstunde über diese Frage nachgedacht und keine Antwort gefunden hatte. Stattdessen zeigte sich ein kleiner Fleck auf dem Teppich. Er wurde immer größer, je mehr Pohlmann darüber nachdachte, wie und wohin er sein Leben ändern sollte. Ein Fleck. Rosa. Auf dem Teppich im Schlafzimmer. Damit gab es nun schon zwei Probleme. Drei, wenn man mitzählte, dass ihm völlig unklar war, woher dieser Fleck kam.

Wer, wie Pohlmann, unter vielfältigen Ängsten und Zwängen leidet, weiß ziemlich genau, was so ein kleiner rosafarbener Fleck auf dem Teppich bedeuten kann. Und wer Angst vor Veränderung hat weiß auch ziemlich genau wohin es führen kann, wenn man sein bisheriges Leben in Frage stellt, wenn sich sinnlose Grundsatzfragen in den frühen Morgenschädel fräsen. Neue Würze im Leben, was für eine selten dämliche Formulierung. Genau wie: im eigenen Saft schmoren. Egal. Jedenfalls drückte diese Grundsatzfrage Pohlmann um 7:34 Uhr mächtig aufs Gemüt. Die Reisetasche lag immer noch unangetastet vor dem Kleiderschrank. Stichwort Kleiderschrank: Was nimmt man denn mit in so ein neues Leben? Was packt man ein, was lässt man da? Vierte Schwierigkeit. Pohlmann ließ sich aufs Bett fallen, und um kurz nach acht hatte er schon den Überblick über all die Schwierigkeiten verloren, die sich in seinem Schlafzimmer tummelten und ohne erkennbares Muster den Teppich bedeckten. Acht? Zehn? Auf jeden Fall viel zu viele. Vor allem, wenn man noch keinen Kaffee hatte. Dass Pohlmann vor lauter Schwierigkeiten den rosa Fleck nicht mehr sah, konnte ihn kaum trösten.

Pohlmann gab sich einen Ruck. Zu seiner Überraschung führte das sogar zu etwas. Alles besser, als hier in Schockstarre zu verharren, dachte er, kratzte die Schwierigkeiten vom Boden und stopfte sie ins Seitenfach seiner Reisetasche, das prompt unansehnlich ausbeulte. Das sah umso lustiger aus, weil ja das Hauptfach der Tasche noch komplett leer war.

skkrrrtt

Leere Tasche, neues Leben, Kleiderschrank. “Was mache ich hier eigentlich?”, fragte sich Pohlmann in aller Deutlichkeit, aber er fand keine Antwort. Er wusste nur: sein ansonsten so ausgeprägtes Pflichtgefühl hatte eine ziemliche Macke. Das Übel wird immer größer, je länger ich warte, schoss es Pohlmann durch den Kopf. Es wäre das kleinere Übel, jetzt einfach irgendwelche Klamotten in die Tasche zu werfen und einfach abzuhauen. Gar nicht groß Gedanken machen. Man sieht ja, wohin das führt. Gerade als er diesen Gedanken gefasst und willkürlich ein paar Hemden, Unterhosen, Socken aus dem Schrank gezogen hatte, saß im Regal dieses grüne plüschige Etwas. Mitten auf den T-Shirts. Plötzlich war es da. Pohlmann zuckte zusammen.

“Hallo Jo”, piepste der Flauschball. “Wer bist du?”, stammelte Pohlmann. “Och, komm schon, tu nicht so, als wüsstest du das nicht?” “Keine Ahnung.” “Ich bin das kleine Übel. Du hast mich gerade gewählt.”

Oh nein, dachte Pohlmann und sackte in sich zusammen. Nicht das auch noch. So ein Gehirn hat manchmal Sachen drauf, da wird einem ganz schwummerig. Er rieb sich die Augen, aber das kleine Übel saß immer noch auf dem T-Shirt-Stapel und baumelte lässig mit den Beinen. “Kopf hoch, Jo. Ich bin das kleine Übel”, grinste das kleine Übel. “Klein, verstehst du? Hätte schlimmer kommen können.”

In den nächsten Stunden bereitete Pohlmann alles für seinen Aufbruch vor. Das kleine Übel begleitete ihn dabei, flatterte durch die Wohnung, piepste mal aufgeregt, mal etwas ängstlich vor sich hin und sorgte durch seine Anwesenheit dafür, dass Pohlmanns Laune etwas besser wurde. Naja, zumindest wurde sie nicht schlechter. Es hätte alles auch noch schlimmer kommen können. Er hätte auch ein größeres Übel wählen können. Pohlmann erschauderte bei dem Gedanken. Um halb drei verließ Pohlmann seine Wohnung, das kleine Übel stopfte er vorher unter heftigen Beschwerderufen ebenfalls in das Seitenfach seiner Reisetasche.

Pohlmann irrte den ganzen Tag umher, folgte keinen besonderen Zielen und wich dabei seinen Ängsten aus, die hinter jeder Ecke nur darauf warteten, ihm eins auszuwischen. Gegen 18 Uhr, es war schon dunkel, lief Pohlmann gerade am Hotel Breuschitsrieder vorbei. Das kleine Übel klagte über Atemnot und Hunger und klopfte heftig gegen das Leder der Tasche. Pohlmann entschied sich, den Tag Tag sein zu lassen und checkte ein. Hotel, naja. Wenigstens konnte er dadurch der bizarren Beschaffenheit der Außenwelt entkommen. Was nicht hieß, dass die Innenwelt besser gewesen wäre. Der Wunsch, irgendwo anzukommen, war stärker. Und Pohlmann verlieh diesem Wunsch Nachdruck, indem er die Zimmertür von innen verschloss.

Nun saß er auf diesem Hotelbett, kam vor lauter Seufzen und Kopfschütteln zu keiner Klarheit und hatte zudem noch dieses nervige kleine Übel neben sich, das irgendeine Entscheidung von ihm verlangte.

Wer, wie Pohlmann, unter diversen Zwangsstörungen leidet, der wird irritiert darüber sein, dass er einfach die Decke nahm, mit einem Ruck vom Bett zog und auf den Boden warf, ohne sie zusammenzulegen. Wem, wie Pohlmann, solche Neurosen bekannt sind, der kann sich aber ziemlich gut vorstellen, wie behutsam er die mittlerweile knapp 30 Schwierigkeiten aus der Tasche nahm, ordentlich auf dem Bett ausbreitete und fein säuberlich nach Größe sortierte.

“Das sind schon ein paar richtig krasse Exemplare dabei, Jo.” Pohlmann zeigte sich unbeeindruckt. Er richtete die Schwierigkeiten im 90-Grad-Winkel an der Bettkante aus. “Ein paar richtig krasse”, sagte das kleine Übel begeistert und hüpfte übers Bett, quer über die ausgelegten Schwierigkeiten. “Schnauze”, schrie Pohlmann und schlug nach dem kleinen Übel. Mit einem kühnen Sprung auf den Bettpfosten entkam es dem Schlag. “Nicht so aggressiv, Jo, bitte. Dafür gibt es überhaupt keinen Grund. “ Pohlmanns Pupillen waren voller Feuer. Aber das erlosch recht schnell. Zurück blieben ausgebrannte Fragezeichen. “Immer die Ruhe bewahren, Jo, immer die Ruhe bewahren.” Das kleine Übel machte es sich in der Nähe des Kopfkissens bequem. “Und vielleicht ein bisschen gewaltfreier in der Kommunikation, wenn ich bitten darf.”

Heilige Scheiße, dachte Pohlmann und strich das Betttuch gerade. 30 Schwierigkeiten. Und das war nur die Ausbeute des heutigen Tages. Ein Wahnsinn. Früher hatten seine monatlichen Ängste noch nicht mal ein kleines Brillenetui gefüllt. Heute passten die Probleme eines Tages kaum mehr ins Seitenfach seiner Reisetasche. Wo sollte das noch hinführen? Morgen würden sie bestimmt die ganze Tasche einnehmen. Und was sollte er dann mit seinen Klamotten machen? Dreißig Probleme. Und jeden Tag kamen neue dazu. Das hatte man davon, wenn man all seine Energie aufstaute oder fehlplatziert ableitete. Jeden Tag war am Ende des Wollens noch zu viel Müssen übrig. Und es wurde immer schlimmer. Dagegen wirkte das kleine Übel wie ein Fliegenschiss. Ein niedlicher Fliegenschiss in kindlicher Plüschoptik. Oh Mann, Pohlmann, wie tief kann man sinken?